150 km vom Isarursprung nach München 2022
Vorgeschichte:
Höher, weiter, extremer! Das gilt wohl in allen Bereichen des Lebens. Weder der CEO von VW würde sich hinstellen und als Firmenziel 70% des Vorjahresumsatzes ausgeben, noch würde Eliud Kipchoge plötzlich 2:30 h für einen Marathon brauchen. (Dieser verdammte Freak ist dieses Jahr schon wieder einen neuen Marathon-Weltrekord gelaufen und hat die offizielle Bestzeit inzwischen auf 2:01:09 verbessert!!!) Da bleibt nur die Frage, was ich kleiner Mann für mich als nächstes Ziel ausgeben kann… In fünf Tagen um den Bodensee bin ich Anfang diesen Jahres auch schon und die unter Extremwanderern typische 100 Kilometer-Tour hab ich 2021 bereits gemacht. Damals bin ich die komplette Strecke an der Isar, von Dingolfing nach Ismaning gelaufen, und bei der Isar sind wir schon beim richtigen Stichwort! 😉
Denn für mich war schon länger ein neues Ziel geboren. 🙂 Da bleibt nur noch ein Problem, wie erzähl ich das meiner Familie und meinen Freunden? 😀 Bei der 100 Kilometer-Tour hab ich mich schon sehr bedeckt gehalten und kaum jemandem erzählt, was ich nachts um 23 Uhr an der Isar in Dingolfing mach. Aber, wegen dem Leitmotiv „Höher, weiter, extremer!“ geht’s ja dieses Mal schon 150 Kilometer zu Fuß durch Tag und Nacht. Und ganz ehrlich, wie viele Menschen kennt ihr, die sich an den Isarursprung stellen und sich dann vornehmen, dass sie irgendwann nach 30 Stunden zu Fuß in München raus kommen? 😛
Also hab ich mir ganz heimlich still und leise ein Hotel (Luxushotel) in der Nähe des Isarursprungs gebucht. 😉
Der nächste Morgen:
04:30 Uhr: Die ersten Sonnenstrahlen lächeln durch den Vorhang, der Blick aufs Karwendel ist jetzt schon atemberaubend, um 08:00 Uhr gäbe es Frühstück, ab 09:00 Uhr würden die ersten Anwendungen im Spa-Bereich anfangen und dann könnt ich mir noch die Füße in Scharnitz vertreten. 😉
Aber dann fällt’s mir wieder ein, ich hab ja nur meinen kleinen Laufrucksack mit einer Wechselunterhose und vier paar Wechselsocken dabei. Ich Tollpatsch! 😀 Also doch lieber kurz Wasser ins Gesicht, Füße abkleben, fünf Minuten des Innehaltens, sich seelisch und moralisch auf das Kommende einstellen und dann den nachfolgenden Auftakt-Post absetzen:
„Liebe Familie, liebe Freunde, heut ist’s soweit und ich will mir noch ein großes Ziel für dieses Jahr erfüllen! Um nicht im Vorfeld schon sorgenvolle Anrufe zu bekommen, hab ich bislang nur einer Person davon erzählt. Ich bin gestern nach Scharnitz gefahren und heute Morgen auf dem Weg zum 10 Kilometer entfernten Isarursprung. Danach geht’s etwa 140 Kilometer vom Isarursprung nach München zu mir nach Hause. Insgesamt also ca. 150 Kilometer zu Fuß und ohne Pause. #ExtremWanderungen #SryMama #Hoojeah!“
Das ist quasi der Beginn des Blogs und die Offenlegung aller Karten. 😀 Und was soll ich sagen, die Rückmeldungen gehen von „Kranker Scheiß“ über „Was zur Hölle stimmt mit dir nicht“ bis hin zu „Du bist doch echt nicht mehr ganz sauber“. 😀 Ich les daraus eigentlich nur Komplimente und Zustimmung. 😛
Vorneweg natürlich vielen Dank an die Personen, die ab Minute eins an mich glauben! Ihr seid die besten!!! 🙂
Die ersten 10 Kilometer geht’s dann also bergauf gen Isarursprung. Wobei bergauf der falsche Begriff ist, denn es geht bergauf, bergab, kurz mal ebenerdig und dann schon wieder bergauf. Meine Vorstellung von der Wanderung an einem Fluss ist irgendwie auch eine andere. Wieso zur Hölle fließt der Fluss da unten und ich steh quasi auf einem Berg hier oben :O Wer zum Teufel hat diesen Fluss gebaut, und das Gelände neben dran nicht eingeebnet? 🙁
Aber die Aussicht, die klare kühle Morgenluft und das ruhige Ambiente, da keine Menschenseele unterwegs ist, sind echt unbezahlbar! 🙂
Vom Isarursprung nach Mittenwald:
Ich hab jetzt also fast zwei Stunden für 10 Kilometer zum Isarursprung gebraucht. Wir haben es kurz vor 07 Uhr und ich hab noch weitere 140 Kilometer vor mir. Wie soll sich das alles zeitlich ausgehen??? 😀
Weiß ich nicht, aber die Landschaft ist hier eigentlich ganz nett und schöne Bilder hab ich auch geschossen. 😛 So oder so ähnlich könnte das tatsächlich von mir kommen, aber dieses Mal hab ich mir ausnahmsweise mal Gedanken gemacht und sogar Verpflegungsspots rausgesucht, die ich ansteuern kann. 😉
Der Plan ist: 10 Kilometer wandern mit 5 km/h und dann 10 Kilometer joggen mit 5 Minuten/Kilometer + Verpflegungspausen bzw. Versorgungspausen von meinen Füßen ergibt genau 3 Stunden pro Block. 7 – 8 dieser Blöcke und schon wär ich zu Hause in München, eigentlich doch gar nicht so schwer, oder? :DD Lustig, wie naiv man wird, wenn man was unbedingt erreichen will. Vielleicht muss man das „man“ auch durch „ich“ ersetzen. 😀
An sich trau ich mir ohne Probleme zu in 2 Stunden 10 Kilometer zu wandern, sogar mit kleineren Pausen. 10 Kilometer in einer Stunde zu joggen, selbst mit Pausen und dem kleinen Laufrucksack aufm Rücken ist in den ersten Blöcken noch machbar, aber diese verdammten Wiederholungen. Immer und immer wieder Laufen ohne wirkliche Pause, das macht mir doch ein wenig Angst. 😀
Naja aber fangen wir erst Mal an: Die ersten 10 Kilometer hin zum Isarursprung bin ich ja soeben gewandert, also stehen jetzt 10 Kilometer joggen aufm Programm. Die laufen auch noch gut, alles andere wäre auch n großes Problem geworden, wenn vor Kilometer 20 schon Krämpfe eingesetzt hätten. 😛 Einzig und allein die Blicke der ein oder anderen Wanderer sind doch eher skeptisch. Naja wenn die wüssten, dass ich noch bis nach München muss, würden sie mich bestimmt verstehen. 😀
Kurz vor Scharnitz wechsel ich dann wieder in den Wanderschritt und nehm die erste Verpflegung zu mir: Wasser, ne Coke und zwei Schokoriegel. Alles was man für ein gesundes Frühstück braucht. 😛
Danach geht’s dann wandernd über die Grenze und bis nach Mittenwald rein. 10 Uhr, ich bin fünf Stunden unterwegs und hab bereits 30 Kilometer hinter mir. -> geiler Scheiß!
Von Mittenwald zum Sylvensteinsee:
Wer genau aufgepasst hat weiß, dass nun wieder 10 Kilometer joggen auf dem Programm stehen. Und das durch Mittenwald durch, bis nach Krün. Da offenbart sich das erste Problem des Joggens. Wenn man schnell unterwegs sein will, sollte man auch den Weg kennen. 😉 An sich nicht so schwierig am Flussufer entlang zu laufen, könnte man meinen. Innerhalb der Stadt kann man den aber schonmal unbemerkt überqueren, sodass ich mir bis zum Schluss sicher bin, dass die Isar links von mir ist. Naja bis ich dann doch mal stehen bleib und einen Blick auf die Karte werf. Oh verdammt, ich bin hier falsch!!! Da war ich dann wohl elf Kilometer unterwegs, aber naja endlich Krün, endlich nochmal Essen und Trinken, endlich wieder wandern. 😀
So langsam wird es auch Mittag, die Sonne brennt ordentlich runter und trotz kontinuierlicher und zuckerlastiger Verpflegung haben mich die ersten beiden Blöcke schon echt ziemlich fertig gemacht. Aber naja geheult wird später! 😉 Ich hab schließlich noch mehr als 20 Kilometer bis zum Sylvensteinsee vor mir und auf den freu ich mich echt besonders! 🙂 Also geht’s auf der Mautstraße von Wallgau weiter Richtung Sylvensteinsee, Kilometer 40 bis 50 wandernd, ab dann soll eigentlich wieder eine saubere 10 Kilometer Jogging-Etappe folgen. Aber was soll ich sagen, in diesem dritten Block muss ich schon ab und zu gehen, weil ich das Tempo nicht hochhalten kann. Naja etwa 7 Kilometer joggen sind trotzdem noch dabei rausgesprungen. 😉 Dadurch, dass ich beim Wanderpart eigentlich immer schneller als 5 km/h unterwegs bin, kann ich trotzdem mein vorgegebenes Tempo durchhalten und auch die Kilometer 60 bis 70 sind noch im Zeitplan. Das man bei dem Stück quasi durchgehend am Sylvensteinsee entlang wandert ist natürlich wunder wunderschön! 🙂 Oh mein Gott, dieses Gefühl, diese Aussicht, das perfekte Wetter dazu und die ersten 70 Kilometer in etwa 11 Stunden sind auch schon geschafft. Da kommt mir echt ein bisschen die Gänsehaut hoch. Einfach wundervoll! Ich setz mich mal zehn Minuten auf eine Bank, sämtliche Schmerzen und noch bevorstehenden Kilometer blend ich aus. Einfach mal an nichts denken und den Moment genießen!
Vom Sylvensteinsee nach Bad Tölz:
Vom wunderschönen Sylvensteinsee geht’s nun etwa 20 Kilometer bis nach Lenggries und dann nochmal 10 Kilometer nach Bad Tölz. Kilometer 70 bis 80 steht an, Joggen ist die Devise! :O Die Gänsehaut, die der wunderschönen Sylvensteinsee hervorgebracht hat wandelt sich nun in Kälteschauer, der mir den Rücken runter läuft. In meinen Beinen hat sich schon einiges an Laktat gebildet und hier meldet sich auch zum ersten Mal der Kopf zu Wort. Ich steh bei Kilometer 70, meine Beine sind schon ziemlich müde, ich sollte jetzt wieder 10 Kilometer joggen und hab noch etwa 80 Kilometer vor mir. Ich bin also noch nichtmal bei der Hälfte. :O 😀 Ok, ok ganz schnell das Denken wieder aufhören und versuchen in einen Jogg-Schritt zu wechseln. Wenn ich ehrlich bin findet das Joggen nurnoch seeeeehr sporadisch statt. Und ich bin ehrlich gesagt sehr froh, dass ich inzwischen bei Kilometer 80 angekommen bin und wieder ohne schlechtes Gewissen in den Wanderschritt wechseln kann.
Noch knappe 10 Kilometer weiter, dann werd ich mir in Lenggries in einem Supermarkt nochmal was zu Essen und Trinken holen und unbedingt wieder meine Socken wechseln. Umso länger die Tour geht umso weniger trau ich mich eigentlich unter Menschen und bin froh, wenn ich zwar wunderschönes Wetter und tolle Aussichten an der Isar oder in Lenggries hab, aber in Supermärkte muss ich in diesem Zustand eigentlich nicht mehr gehen. Ich bin inzwischen fast 90 Kilometer und 14 Stunden unterwegs, hab Salzränder im Gesicht und das Gemisch aus Sonnencreme, Schweiß und Deo sorgt für die besondere Duftnote. 😀 Naja schnell rein, zielstrebig Essen auf die Hand, Wasser und Cola greifen und dann ab nach draußen, zurück an die Isar und eine schöne Bank suchen. Wenn man dann die Schuhe und Socken auszieht, sieht das etwa 20 Blasenpflaster, pro Fuß versteht sich, dafür gesorgt haben, dass man immernoch keine Blasen hat, dann schmeckt sogar abgepacktes Essen. 🙂
Die letzten 10 Kilometer bis zur Uferpromenade nach Bad Tölz, dem zweiten großen Ziel neben dem Sylvensteinsee, sollten rein theoretisch wieder joggend absolviert werden. Dass ich aber weder einen 7er, noch 6er, geschweige denn den geplanten 5er Schnitt auf einen Kilometer einhalten kann erklärt sich glaub ich von alleine. Ab jetzt wird die restliche Strecke wandernd absolviert. Nach den zurückliegenden 90 Kilometern ist das einzige Ziel überhaupt 150 Kilometer durchzustehen und in München anzukommen. Da kommt’s nicht mehr auf die Zeit an, weswegen schnelles Vorankommen in Form von Joggen auch gar nicht mehr auf meiner Agenda steht. Außerdem heißt es sich so langsam drauf einzustellen, dass es dunkel wird. Daher genieß ich diese 10 Kilometer nochmal ganz besonders und wenn man den Ausblick in Bad Tölz genauer anschaut, dann muss man schon ziemlich gefühlskalt sein, um das nicht zu lieben. 🙂
Von Bad Tölz nach Wolfratshausen:
Die Atmosphäre in Bad Tölz war ein wahrer Lichtblick auf der Tour und hat mir nochmal richtig Auftrieb für die kommenden 50 Kilometer gegeben. Und hey: ich hab inzwischen 100 Kilometer geschafft, hab noch immer keine Blasen oder Reibestellen und kann zwar nicht mehr Joggen, aber wandern ging immer noch ohne Krämpfe. 🙂
Inzwischen ist es fast 21 Uhr, die Supermärkte haben geschlossen, aber Tankstellen haben noch geöffnet und da werd ich wohl meine Trinkblase für die kommende Nacht auffüllen. Dass das mit dieser Verpflegung echt so gut klappt, hätt ich auch nicht gedacht. Ich bin nur mit einer zwei Liter Trinkblase und ein paar Riegeln gestartet, aber hab bis hier hin immer Wege gefunden trotz der Hitze genug zu trinken und zu Essen. In diesem Moment daher danke an die ganzen Supermärkte, Tankstellen und Kioske, die auf der ganzen Tour irgendwo rumstehen und mir immer wieder kleine Leckereien verkaufen. 😉
Nach der ganzen Freude und dem ganzen Lob werden wir nun aber in dunklere Abschnitte und Phasen der Tour abtauchen. Sowohl, weil so langsam die Sonne untergeht und das Tageslicht verschwindet, als auch, weil seelisch, moralisch und mental dunklere Momente auf mich warten. Bei Kilometer 105 gönn ich mir nochmal eine fünfzehnminütige Pause, weil ich hier auf einer Anhöhe den Sonnenuntergang ganz gut genießen kann. Wunderschön! 🙂 Nur das Loslaufen nach jeder Pause wird zäher und zäher. Fast schon wie ein älterer Mann, dessen künstliche Hüft- und Kniegelenke erstmal wieder an die richtige Position geschoben werden müssen. 😀
Nach der Pause überwiegt dann Dunkelheit, dichtestes Gestrüpp und eine Bergtour bis hoch zum Malerwinkel. Aber naja wer bei Orten wie Lochen, Huppenberg, Rothmühle und Schuß an gut ausgebaute Rad- und Wanderwege denkt, belügt sich wohl auch selber. 😉 Dadurch, dass es an den Vortagen auch noch geregnet hat sind die Wege entsprechend aufgeweicht. Schlussendlich bleibt festzuhalten, dass ich ausseh wie Sau und dreckig gemacht hab ich mich auch noch. 😀 Vielleicht sollt ich noch erwähnen, dass ich zwischen Bad Tölz und Geretsried auf Kinder einer Schulklasse/Verein/Pfadfinder getroffen bin, die im Wald eines der oben genannten Ortes ihr Lager aufgeschlagen haben und gezeltet haben. Die Blicke als ich aus dem dunklen Wald rauskam und sogleich auch wieder verschwunden bin, waren einerseits unbezahlbar andererseits sehr verstört. Wahrscheinlich bin ich inzwischen schon in irgendeiner Fahndungsdatei der Polizei als nächtlicher Waldschleicher eingestellt. Aber ich wollte wirklich niemanden erschrecken, weder euch noch sonst irgendjemanden, Indianerehrenwort!!!
Naja auf den Schreck hin werd ich mich hier in Geretsried erstmal hinsetzen. Inzwischen ist es 01:00 Uhr nachts und die Müdigkeit wird schlimmer und schlimmer :O 115 Kilometer bin ich inzwischen schon unterwegs und hab nochmal etwa 10 Kilometer bis zum Ortsausgang Wolfratshausen. Meine Beine und mein Körper sehnen sich nach Ruhe, vielleicht sollt ich mich hier auf der Bank mal kurz hinlegen, ein Power-Nap bewirkt ja bekanntlich Wunder. Andererseits weiß ich auch genau, dass wenn ich jetzt einschlaf, dann wach ich vermutlich erst in drei Stunden wieder auf und bis dahin hat am Ende noch ein besorgter Bürger den Rettungsdienst gerufen. 😀 Ich entscheide mich dazu wieder aufzustehen und weiterzulaufen. Wenn man wieder unterwegs und im Laufen ist, dann geht’s sogar ganz gut. Außerdem muss ich bis Wolfratshausen auch durch keinen dunklen, schaurigen Wald mehr durch und der ein oder andere betrunkene Jugendliche kommt mir auch noch entgegen, was zudem für gute Stimmung sorgt! 😀
Von Wolfratshausen nach München:
Es ist inzwischen 03:00 Uhr nachts, es sind noch knapp 25 Kilometer und bestimmt nochmal fünf Stunden, bis ich endlich zu Hause angekommen bin. Am Ortsende von Wolfratshausen wechsel ich an den Isarkanal, hierlang kann man auf einer geteerten Straße bis nach Grünwald laufen. Autos sind nachts um drei sowieso keine unterwegs, verlaufen kann ich mich auch nicht mehr, weil’s einfach immer geradeaus geht und wirklich dunkel ist es hier auch nicht, da das Wasser selbst nachts ein bisschen Licht reflektiert. Somit muss ich an nichts mehr denken, kann die Stirnlampe ausschalten und muss einfach nur geradeaus Laufen, bis ich in Grünwald bin. Aber genau das wird mir auch irgendwie fast zum Verhängnis. Ich bin müde, kaputt ausgelaugt und in meinen Beinen hat sich über den ganzen Tag hinweg schon soviel Blut gesammelt, dass die sich nach nichts mehr sehnen, als Pause, hinsetzen, hinliegen, schlafen. Ich versuch dem Drang zu widerstehen, setz mich dann doch nochmal kurz auf die nächste Bank und nick ein. Als ich wieder wach werd und auf die Uhr kuck sind inzwischen schon weitere 25 Minuten vergangen. Ok schnell wieder aufstehen, also so schnell es halt nach 135 Kilometern geht 😀 und weiterlaufen. Bloß nicht mehr hinsetzen, denk ich mir. Andererseits brennen meine Fußsohlen und der ein oder andere kleinere Krampf in der Beinmuskulatur macht sich bemerkbar. „15 Kilometer noch, nurnoch 15 Kilometer, nur nicht aufgeben, nur nicht aufgeben!“ schallt es durch meinen Kopf.
Was ich in diesem Moment auch noch über mich gelernt hab: Anscheinend gibt es Sekundenschläfe nicht nur beim Autofahren, sondern auch beim Laufen. Mir ist es tatsächlich passiert, dass ich in der einen Sekunde mitten auf dem geteerten Fußgängerweg am Isarkanal war und mich in der nächsten Sekunde auf dem Grünstreifen neben dran wiedergefunden hab. 😀 Das ist echt ein komisches Gefühl, wenn man unterm Laufen einschläft. Ich muss sagen, dass sind die dunkelsten Momente dieser Tour, aber auch die lehrreichsten, wie ein Körper funktioniert und welche Sinne Stück für Stück runtergefahren werden. 😉
Aber jetzt bin ich endlich an der Burg Grünwald angekommen. Von hier aus sind es nurnoch knappe 10 Kilometer bis zu mir nach Hause. Den Weg bin ich schon zig-mal beim Joggen abgelaufen, ab jetzt kenn ich mich aus, ab jetzt fühl ich mich von Baum zu Baum, von Kieselstein zu Kieselstein heimischer. 🙂 Oh mein Gott und plötzlich schießt wieder das Adrenalin in den Körper, wir haben es inzwischen 06:30 Uhr, die Sonne ist schon längst wieder aufgegangen und ich freu mich so auf zu Hause. Jetzt kann mich wirklich nichts mehr aufhalten, selbst ein Kreuzbandriss wär mir jetzt scheißegal. 😀 Die letzten 5 Kilometer sind geprägt von unbändiger Vorfreude, von ungläubigen Blicken auf meine Uhr. Oh ja, ich bin wirklich am Isarursprung im Karwendel gestartet, bin immernoch unterwegs und hab’s gleich geschafft. 🙂 Die Kilometer steigen und steigen und steigen. 144, 145, 146 Kilometer. Nur noch drei Kurven, ein letztes Mal abbiegen und dann ein letzter Schritt vorbei an den Briefkästen und ab auf die Bank vor dem Haus. Oh mein Gott, bei 146,98 Kilometern, 27:39:52 h und 8.879 verbrauchten Kalorien bleibt die Uhr stehen. Gefühle sind bei Gott nicht meine Stärke aber mir kommen tatsächlich auf der Bank vorm Haus ein wenig die Tränen. Ob aus Freude, oder aus Schmerzen, nachdem das Laktat nun vollkommen meine Muskulatur übernommen hat, weiß ich nicht so genau. 😉
Eigentlich sollte zwei Wochen später ein weiteres großes Ziel für dieses Jahr erfüllt werden. Zu Fuß vom nördlichsten zum südlichsten Punkt Deutschlands. Leider musst ich diese Tour wegen einer Sehnenentzündung abbrechen. Außerdem hat sich im anschließenden MRT noch ein Knorpelschaden im Knie herausgestellt. Ob diese Verletzungen/Knieschäden aus dieser Tour resultieren, dass weiß ich nicht. Was ich aber weiß, dass ich es immer wieder tun würde! 😉 #Hoojeah!