Bodensee-Umrundung 2022
Anreise (19.03.2022):
Eine Woche Urlaub, Erholungsurlaub, wie es so schön heißt. Sämtliche Arbeitskollegen und Freunde haben mich gefragt, was ich denn geplant hätte? Vielleicht der ein oder andere Film, eine gute Serie, bei ein, zwei, zwölf Bier feiern bis die Wolken wieder lila sind? Oder doch ein Wellness-Aufenthalt und einfach mal die Seele baumeln lassen?
Aber sind wir doch mal ehrlich, jeder von euch da draußen und auch ich selber, wir alle wissen genau, dass ich mich nur selber belügen würde, wenn ich zu einem der oben genannten Vorschläge zustimmen würde.
Während der ganzen gut gemeinten Ratschläge für Entspannungs-Aktivitäten hatte ich die ganze Zeit nur diese eine Stimme im Ohr: „Get up, mother****, get up!“
Ich liebe diese Stimme und gleichzeitig hab ich auch Angst vor ihr. Die Angst vor dem was in den nächsten Tagen auf mich zukommt, wird jedoch durch die Vorfreude auf den Moment, wenn’s geschafft ist, gewaltig unterdrückt.
Primärziel: Einmal den Bodensee (Ober- und Untersee) zu Fuß umrunden.
Sekundärziel: Max. 6 Tage benötigen.
Alle weiteren Ziele und Gefühle, wie Spaß, Freude, blasenfreie Füße oder sonstige Schmerzen stehen eher hinten an.
Wobei, wenn man bei Sonne, warmen Temperaturen und Blick auf den Bodensee drei Länder bereist, dann kann das nur mit Spaß und guter Laune einhergehen.
Heute Abend bin ich in Lindau angekommen, und was soll ich sagen, verrückte Touren brauchen verrückte Orte an denen sie beginnen. Gästezimmer Hostizic ist so einer. Abgeklebte Fenster, Baustelle im Eingangsbereich und im kompletten Erdgeschoss, es wird nur gebrochen deutsch gesprochen und das Zimmer ist klein, sehr klein. ABER: Der Gastgeber ist super nett, das Zimmer im ersten Stock ist dann doch irgendwie niedlich und ich hab volle vier Quadratmeter mit Dach über dem Kopf.
Ich freu mich wenn’s morgen endlich wieder losgeht, da kann ich mir den Wecker wohl getrost sparen.
#Neverevergiveup
Tag 1 (20.03.2022):
Sodale, wie der Schwabe zu sagen pflegt, jetzt lieg ich dahanna au wieder im Bett und dr erste Dag isch gschafft! Bin aktuell noch in Baden-Württemberg, zwar nicht im Schwaben-Kernbereich, aber a bissale kommt der Dialekt trotzdem durch.
Am 1. Tag stand alles im Zeichen der 1. Es fängt schon bei den Klamotten an. Heute Morgen ist mir aufgefallen, dass ich mit einer blauen Mütze, einer blauen Jacke, einer blauen Hose, blauen Schuhen und einem blauen Rucksack unterwegs bin. 1 Farbe. Jeder Leserin, jedem Leser fällt da sofort auf, dass der besondere Akzent, der Eyecatcher, quasi die Zitrone auf dem Tequila fehlt. Selbst mein Make-up war heute morgen eher dezent gewählt.
Zum Glück hat den ganzen Tag die Sonne geschienen, sodass es dadurch ein wenig farbliche Abwechslung gab, nämlich 1 Sonnenbrand.
Warum ich lieber 1 Handcreme anstatt 1 Sonnencreme eingepackt hab, ist bei 15 Grad und wolkenlosem Himmel wohl mein 1 Geheimnis.
Außerdem hab ich heute hunderte Schiffe gesehen, Yachten, Schnellboote, Personenfähren, Autofähren, Anglerboote, und und und, aber 1 gibt’s hier unten noch mehr als Boote und Schiffe, nämlich Minigolfplätze! Das Golfen des kleinen Mannes, der es vielleicht einfach noch nicht in der Spielbank von Lindau zu großem Reichtum gebracht hat.
Apropos Spielbank von Lindau, da startete heute Morgen meine Tour. Weitere Tipps für solche erfrischenden Überleitungen kosten nur 1 Euro.
Von Lindau bin ich über Wasserburg und 1 Grenze nach Kressbronn. Von Kressbronn nach Friedrichshafen, weiter nach Meersburg oder Merseburg, wie der ein oder andere unterfränkische Arbeitskollege zu sagen pflegt. Danach kam nurnoch Überlingen und Sipplingen, wo ich heute schlaf.
Insgesamt 67 Kilometer mit nur 1 Gefühl: Gute Laune!
Wem jetzt von euch „67 Kilometer?!? Pfui deife!“ rausrutscht. Meine Füße verstehen euch, mein Körper versteht euch, aber mein Kopf denkt sich währenddessen: „Ess ich heute nur bei Kilometer 30 ein Eis, oder bei Kilometer 60 auch nochmal eins?“
Heut hab ich die Belastung noch gut durchgestanden, morgen und übermorgen werden die interessanten Tage, denn von manchem gabs heute nicht nur 1, von Blasen und von müden Muskeln.
Da hilft wohl nur 1:
#Neverevergiveup
Tag 2 (21.03.2022):
Erstmal die grundlegenden, eher unwichtigen Sachen vorneweg: Es war heute eher eine zache Angelegenheit und ich war 52 Kilometer unterwegs. Bin in Sipplingen gestartet, über Ludwigshafen, Insel Mainau, Konstanz, wieder in den Norden nach Allensbach. Bin somit inzwischen am Untersee angekommen.
Viel wichtiger ist aber, dass ihr heute gut in die neue Woche gestartet seid und selbst wenn Montag ist, zumindest mit einem Lieblingsmenschen geredet, telefoniert oder geschrieben habt. Denn: Ist die Welt auch noch so klein, jeder kann ein Lieblingsmensch sein!
Weitere Randnotizen, der Muskelkater hielt sich erstaunlicher Weise in Grenzen. Typische Blasen, aufgrund von Reibestellen an den Füßen, hab ich an jedem Fuß nur eine hinten an der Ferse. Daher musst ich heute Morgen also nur acht Blasenpflaster anbringen. Acht?!?
Ja richtig acht Stück, weil meine Füße unter der Ferse und somit auch unter der Hornhaut weitere Blasen schieben.
Wie wenn man ein Spiegelei in eine zu heiße Pfanne legt und es aufplatzt.
Ob Blasenpflaster gegen kochende Füße helfen? Naja wenigstens verschaffen sie einem ein gutes Gefühl. Liebe Genetik, wenn du mir schon was heißes an meinem Körper mitgeben wolltest, dann doch zum Teufel nochmal nicht meine Füße.
Aber mei, solange die Schmerzen nicht gewinnen, sind alle Mittel erlaubt, entweder ganz in Ruhe den Schmerz einatmen , oder sich die Ohren mit Musik zudröhnen.
Hab heute beides ausprobiert und ich bin mir sicher, kein anderer Spaziergänger hat mir irgendwas angemerkt, Indianerehrenwort.
Tag 2 sollte eigentlich ganz unter der Devise der 2 stehen. Es ging morgens schon los, als mir die gestrige Pensionswirtin einen Routenplan vorschlug. Von der Pension nur ein paar Straßen hoch und dann läuft man oberhalb des Bodensees und hat einen tollen Ausblick.
Dass ich keine Bergtour, sondern eine Bodensee-Umrundung mach, hat sich bei ihr anscheinend noch nicht ganz festgesetzt gehabt.
Morgens 6 Uhr in Deutschland, 2 Verrückte sitzen am Frühstückstisch und machen einen Plan für eine Wanderung durch die Berge oberhalb des Bodensees, genau mein Humor.
Die Aussicht war aber schön!
Als ich am Ufer des nördlichen Arms des Bodensees runterlief, kam die 2. Hiobsbotschaft auf mich zu. Die Marienschlucht an der Küste war wegen eines Erdrutsches gesperrt. Ok, ok gegen Höhere Gewalt können wir alle nichts machen, aber verflucht noch mal, warum führt die Umleitung wieder durch die Berge?
Bis dahin hatte ich das Gefühl ich bin ein ausgeglichener Mensch und wähle eher die ruhige Variante zur Bekämpfung der Schmerzen und Probleme dieser Tour, aber nach der Nachricht hab ich den ganzen Berg hoch geflucht.
Gehört hat das zum Glück keiner.
Bezeichnend, dass kein anderer auf dem Weg unterwegs war.
Außerdem bin ich heute noch an 2 Inseln vorbei gekommen, der Blumeninsel Mainau und der Insel Reichenau.
Zum Abschluss noch eine kleine Denksportaufgabe, für euch kleinen und großen Ratemäuschen da draußen.
Wem gehört eigentlich der Bodensee?
#Neverevergiveup
Tag 3 (22.03.2022):
Grüezi mittanand und gueten Abig aus der Schwyz. Gestartet in Allensbach, bin ich über Radolfzell, Gaienhofen an den deutschen Grenzort Öhningen gekommen. Nach der innerdeutschen Grenze zwischen Bayern und Baden-Württemberg, hab ich somit auch die erste Staatsgrenze überschritten. An sich hat sich nichts geändert und trotzdem ist irgendwie alles anders.
Insgesamt war ich heute nochmal knapp 53 Kilometer unterwegs und schlaf heute Nacht in Steckborn.
Ich hab heute den Rhi überquert, die Währig hier unten ist der Schweizer Franken und die Schweiz ist weder EU- noch Schengen-, EWR- oder NATO-Mitglied. Selbst bei der Form der Landesflaggen haben es weltweit nahezu alle Länder, mit Ausnahme 3er, geschafft, ein Viereck mit ungleichen Längen- und Seitenverhältnissen zu konstruieren. Also schlicht eine rechteckige Fahne. Eines der 3 Länder, die Schweiz. Die Vatikanstadt und die Schweiz haben quadratische Landesflaggen und Nepal war ganz wild unterwegs, muss an der Höhenluft liegen.
Grundsätzlich sind wir aber bei der Zahl 3 schon absolut beim richtigen Stichwort. 3 Dinge sind es nämlich auch gewesen, die ich heute Morgen in Radolfzell einkaufen wollte. Dort war Markt und Kaufleute aus nah und fern boten ihre Waren feil. Es herrschte reges Treiben und alle waren frohgemut. Barden aus nah und fern gaben ihren Minnesang zum Besten, richtig geil! Nur einer wusste nicht was er da mitten auf dem Marktplatz tut. 3 Stunden später war mir auf jeden Fall klar, was ich nicht tat, Sonnencreme kaufen.
Ich hab’s dann in Öhningen nochmal versucht, dort war aber alles, was nur ansatzweise mit Sonnencreme zu tun hatte, ausverkauft.
Bei heute etwa 1 bis maximal 3 Kilometern im Schatten und keiner einzigen Wolke am Himmel ist das Resultat nicht mehr zu übersehen.
Wenigstens hab ich hier in meinem Zielort noch eine Edelsonnenmilch ergattern können. So teuer wie die war, stammt die bestimmt von glücklichen Kühen.
Aber was ist schon Geld, bei Touren in denen nur die absoluten Grundbedürfnisse wie Schlaf, Essen, Trinken und einigermaßen aufrecht erhaltene körperliche Unversehrtheit gewährleistet sind.
Um noch ein wenig unnützes Wissen einfließen zu lassen: Es gibt nur ein Land in dem die Sonnencreme im Durchschnitt billiger ist, als in Deutschland. Falls ihr mich jetzt fragen solltet, ob ich weiß in welchem… Hanoi, weiß I leider ned, aber die Hauptstadt davon kenn ich, nämlich Hanoi!
Um die Aufgaben von gestern aufzulösen:
- Habt ihr kleinen Räuber eurem / euren Lieblingsmenschen schon ein Kompliment gemacht?
Mich könnt ihr Rabauken belügen, aber nicht euch selbst.
- Der Bodensee, also zumindest der Untersee und der Großteil des Obersees, gehört niemandem, weil man sich unter den Länder Deutschland, Österreich und der Schweiz nie auf feste Grenzen einigen konnte. Der Überlinger See („oberer Arm“ des Bodensees) grenzt jedoch nur an deutsches Festland und ist somit ein rein „deutscher“ See.
#Neverevergiveup
Tag 4 (23.03.2022):
Guete Morge! Hüt läid es bitzeli schpöter als suscht.
Erstmal vorneweg: Vielen vielen Dank, dass ihr schon die ganze Reise und insbesondere heute an mich gedacht habt. Ich hab mich über alle Anrufe, Nachrichten und sonstigen Mitteilungen, in welcher Form auch immer, von euch rieeeeeesig gefreut! Ihr seid die wahren Helden in solchen Tagen!
Heute bin ich in Steckborn in der Schweiz gestartet. Nebenzu noch ein dickes Kompliment an die Pensionsbetreiber, die mich im ersten Moment fragen, ob ich mein Frühstück um 07:30 Uhr oder um 08:30 Uhr will und im zweiten Moment nur meinetwegen alles auf 06 Uhr vorbereiten. Merci vilmal!
Heute war ich fast nur in der Schweiz unterwegs, denn die ganze Südseite des Bodensees besteht lediglich aus schweizerischem Staatsgebiet. Die ganze Südseite?
Nein nein, ein kleines Dorf namens Konstanz leistet erbitterten Widerstand und kann bis heute einen kleinen Teil seines Territoriums südlich des Rheins/Bodensees erfolgreich verteidigen. Quasi die Grenze zwischen Grüezi und Hallo.
In diesen Zeiten nicht selbstverständlich, dass Landesgrenzen einfach so als Landesgrenzen angesehen werden
, umso glücklicher bin ich, dass ich morgen voraussichtlich gleich drei Länder passiere, die Schweiz in der ich starte, Österreich und mein Zielort in Deutschland.
Und das alles ohne Angst und größere Befürchtungen, ein wahrlich hohes Gut!
Aber ja ihr habt richtig gelesen, so Gott will, und ich bin aus tiefstem Herzen überzeugt davon, dass Gott will, werde ich morgen wieder in Lindau ankommen. Dann wär ich in fünf Tagen einmal zu Fuß komplett um den Bodensee gelaufen. Ich bin eeeecht aufgeregt, ich würd fast sagen ich bin ganz ausm Häusli.
Wobei ich gleichzeitig auch sagen muss, dass es der Wandergott mit mir heute gar nicht so gut gemeint hat. Es war zwar mit etwas über 50 Kilometern die bislang kürzeste Tagesetappe, aber auch die gefühlt schmerzhafteste. Ich bin heute auch erst um 19 Uhr in meiner Unterkunft angekommen, da im örtlichen Supermarkt noch ein kleiner „Unfall“ passiert ist. Ein älterer Mann ist vornüber ins Schnapsregal gefallen und hat erstmal das halbe Regal leergeräumt. Folgen: Platzwunde, etliche kaputte Flaschen und eintreffender Rettungswagen.
Laienhafte Ferndiagnose aller Anwesenden: Keine Termine und leicht einen sitzen.
Hoffen wir, dass es dem unbekannten Fremden schon wieder besser geht.
Wetter war heute wie immer top, keine Frage. Aber meine Fußsohlen
, die sind richtig durch!
Da stehen morgen nochmal große Verhandlungen zwischen Körper und Kopf an, für die etwaige Vermittler einiges an Geld verlangen könnten.
#Neverevergiveup
Tag 5 (24.03.2022):
Hoojeah!!!
Oh mein Gott! Nach einer fünften und letzten Tagesetappe mit nochmal knapp 51 Kilometern ist es geschafft! Ich bin wieder da wo alles begann, auf der Lindau-Insel und bin soooo froh und glücklich!
Nach fünf Tagen, 273 Kilometern, 382.682 Schritten, 20.693 verbrauchten Kalorien (entspricht 70 Hamburgern ) und unzähligen Blasenpflastern bin ich also einmal zu Fuß komplett um den Bodensee gelaufen.
Die Challenge war zwar mit „nur“ fünf Tagen deutlich kürzer als vergangene Touren bei denen ich 20 – 25 Tage unterwegs war, aber doch auch auf ihre ganz eigene Art und Weise anstrengend. Kürzer aber trotzdem schmerzhaft. Na toll, dann geh ich das nächste Mal lieber wieder vier Wochen auf Tour, dann hab ich länger was davon.
Der Kampf Körper gegen Geist wurde gewonnen, auch wenn mir während der Tour die ein oder anderen unflätigen Worte entfleucht sind. Natürlich nie wenn Kinder in der Nähe waren!
Trotzdem sorry Mama!
Auch wenn die Auseinandersetzung mit sich selbst die ehrlichste ist, die man führen kann, ist sie doch irgendwie immer wieder aufs Neue wunderschön. (Wenn mir das vor 2 Stunden jemand gesagt hätte, dass das hier wunderschön ist, dann hätte er wohl laufen müssen, schnell weglaufen müssen!
)
Die größte Freude, der größte Dank und meine tiefste Verneigung (soweit es nach den Strapazen der letzten Tage noch geht ) sende ich an eure Adresse! Neben den ganzen Nachrichten, Anrufen und sonstigen Freuden, die ihr mir entgegenbringt, damit solche Touren überhaupt gestartet und dann auch erfolgreich durchgezogen werden können, habt ihr die letzten fünf Tage auch wieder fleißig den Blog verfolgt. Normalerweise ziehe ich am Ziel und Ende der Reise meinen Hut vor euch, dieses Mal ist leider nur ein verkrampftes und von der Tour geplagtes Selfie rausgekommen.
Deswegen schlicht und einfach: DANKE!
Dieser Blog schließt nicht wie die anderen mit einem hochtrabenden oder weltbewegenden Zitat, sondern mit einer kleinen Bitte eines kleinen Mannes mit kaputten Füßen:
#Neverevergiveup!