Vom nördlichsten zum südlichsten Punkt Deutschlands 2022
Anreise (16.07.2022):
Am 10. Juli 2021 bin ich am östlichsten Punkt Deutschlands angekommen, nachdem ich 22 Tage zu Fuß quer durch Deutschland gelaufen bin, von Selfkant bis in die Neißeaue. Und wenn ich so daran zurück denk hab ich mir in diesem Moment geschworen, dass die Tour vom nördlichsten zum südlichsten Punkt Deutschlands definitiv mitm Fahrrad absolviert wird!
Spätestens seit August 2021 hab ich dann aber aufgehört mich selber zu belügen und ernsthaft zu glauben, dass ich mir ein Fahrrad mit nach Sylt nehme um dann gemütlich gen Süden zu radeln.
Und was soll ich sagen, hallöchen zusammen und willkommen zu einer weiteren Extremwanderung. Die große Premiere hätte sein können, dass ich zum ersten Mal mitm Fahrrad unterwegs bin. Dabei ist die große Premiere, dass ich zum ersten Mal eine vierstellige Kilometerzahl vor mir hab. Etwa 1.050 – 1.100 Kilometer, ohne Hilfsmittel in maximal 28 Tagen. Ob sich meine Füße genauso freuen wie ich? Ganz bestimmt!
Mein 15 Kilo-Rucksack wird die nächsten vier Wochen mein Zuhause, mein Lager, meine Apotheke, mein Paket gegen Wind und Wetter sein.
Ganz neutral und objektiv betrachtet ist es schon ziemlich verrückt vier Wochen lang mehr als 1.000 Kilometer durch Deutschland zu laufen. Das bedeutet im Durchschnitt mindestens 40 Kilometer jeden Tag, vermutlich setz ich zu Beginn eher 45 Kilometer an. Vielleicht hab ich sogar n bisschen Angst oder zumindest Respekt davor.
Was mich aber antreibt ist der Gedanke: „What if“, also „Was, wenn ich’s doch schaff“. Ein wunderbares Gefühl, dass mich bestimmt bis nach Oberstdorf ans Haldenwanger Eck treibt und deswegen das Motto des diesjährigen Blogs ist.
Ich persönlich freu mich ganz besonders auf das einfache Leben. Hab nur die mehr oder weniger notwendigsten Sachen dabei, meine Bedürfnisse beschränken sich zum aller größten Teil auf Trinken, Essen, Schlafplatz und natürlich Apotheken für Blasenpflaster. Außerdem komm ich, zumindest geplant
, durch Hamburg, Hannover, Würzburg und meine Heimat.
Wer bei diesen Aussichten nicht voller Freude und Zuversicht in Sylt startet, hat das Laufen nie geliebt.
Des einen Freud, des anderen Leid. Was für mich vier Wochen lang sehr angenehm ist, erleben manche Menschen über Jahre hinweg oder gar ein Leben lang. Menschen, die nur das besitzen, was sie am Körper oder in den Händen tragen können. Flüchtlinge. Seit diesem Jahr mehr als 100 Millionen.
Diese Extremtour soll dazu dienen ein bisschen Aufmerksamkeit auf die Arbeit der UNO Flüchtlingshilfe zu lenken, schaut daher unbedingt bei nachfolgenden Seiten vorbei:
http://www.uno-fluechtlingshilfe.de
An dieser Stelle, danke an die UNO Flüchtlingshilfe für die Unterstützung und natürlich an alle, die diese Tour erst möglich machen.
Dieser Blog soll euch die nächsten vier Wochen durch Deutschland und die ganze Welt mitnehmen. Viel Spaß und Freude euch wunderbaren Menschen da draußen!
#Whatif #UNOFlüchtlingshilfe
Tag 1 (17.07.2022): A
Mojn en gud Inj üt Neukirchen! Ik hööpi, dat et juu gur gairt!
Wer sich jetzt nicht nur die Frage stellt, ob sondern auch wie viel ich getrunken hab, den muss ich enttäuschen, ich bin komplett nüchtern. Indianerehrenwort! Das da oben ist Sölring, eine Minderheitensprache in Nordfriesland, die in Sylt auch durch die Beschriftung der Ortsschilder erkennbar ist.
In Sylt war heute der Anfang des neuen Abenteuers. Ich war schon echt n bisschen aufgeregt, wie die erste Etappe so laufen wird. Frühstück und die gesamt Unterkunft war echt deluxe , aber von 8 – 9 Uhr gemütlich frühstücken sollt ich mir nicht zu oft erlauben, wenn ich fast 50 Kilometer vor mir hab.
Ob ich daraus gelernt hab? Natürlich nicht! Morgen früh geht’s mal wieder erst um 7:30 Uhr gemütlich frühstücken.
Außerdem war der gestrige Pensionsinhaber schonmal von Flensburg bis nach Venedig zu Fuß unterwegs, ob das auch was für mich wär?
Naja für heute hab ichs mal bei dem Weg bis zum nördlichsten Punkt Deutschlands und danach mit einer Inselüberquerung bis zum Bahnhof Morsum bewenden lassen. Obwohl wir heute eigentlich beim A sind, folgt trotzdem schon heute eine Beichte.
Ich bin von Morsum bis Klanxbüll Zug gefahren, hab somit nicht die ganze Strecke zu Fuß geschafft und war auf Hilfsmittel angewiesen.
Dieser Makel lastet wohl auf mir und der Tour.
Nein, nein kleiner Spaß
, also ja ich bin tatsächlich 13 Min Zug gefahren, aber von Sylt ans Festland gibt’s nunmal nur Zug oder Fährverbindungen, daher hab ich mir ausnahmsweise dieses Hilfsmittel gestattet, aber es soll das Einzige bleiben.
Gestern war hier auf Sylt außerdem eine „große“ Demo, hatte anscheinend die Kritik an Luxus und Dekadenz von Sylt zum Thema. Was ich so an Rückmeldung der Bevölkerung beiläufig mitbekommen hab: Aktuell kann ja auch der ganze „Pöbel“ für 9 Euro nach Sylt kommen, eine echte Sauerei. Jetzt ratet mal, wer gestern auch schön von Hamburg nach Sylt mit dem 9 Euro-Ticket gefahren ist.
Ein Stichwort mit A muss aber noch fallen! Und zwar Akzeptanz. Jetzt ist das ja wirklich nicht die erste Tour, für meinen Körper, mich und meinen Rucksack und trotzdem haben sich schon wieder Druckstellen an Hüftgurt und Schulterriemen gebildet. Nach dem Motto „oh, damit hab ich jetzt aber gar nicht gerechnet, dass du dir jetzt plötzlich den Rucksack aufsetzt und vier Wochen zu Fuß unterwegs bist!“
Erfahrungsgemäß stellt sich ab spätestens Tag 5 eine gewisse Akzeptanz meines Körpers ein. Sonst werd ich den Rucksack wohl „aus Versehen“ mal an der nächsten Verpflegungsstelle stehen lassen.
Macht man dass mit frechen Kindern nicht auch so, oder ist das heutzutage nicht mehr so en vouge?
Das heutige Land mit A ist Afghanistan. Mit geschätzt knapp 39 Mio. Einwohnern könnte ihm eigentlich durchaus eine wirtschaftliche und geopolitische Bedeutung zukommen. Bekannt aber eher durch Begriffe wie „failed state“ oder „Islamistenschmiede“.
Ein Land, dass in der Zeit von 1933 bis Mitte der 70er Jahre als fortschrittlich, weltoffen und vor dem Weg hin zur Emanzipation stand. Afghanistan und auch Pakistan hätten mit ihren atemberaubenden Gebirgsketten und Berglandschaften ein ähnlicher Anziehungsmagnet für Bergsteiger und Kletterer, wie Nepal werden können. Doch jetzt versinkt es seit mehr als 40 Jahre in Konflikten und innerstaatlichen Problemen. Aktuell sind etwa 24,4 Mio. Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen und mehr als 19 Mio. Menschen steht keine ausreichende Lebensmittelversorgung zur Verfügung. Ende 2021 zählte Afghanistan 3,5 Mio. Binnenflüchtlinge und 2,7 Mio. Flüchtlinge verstreut in andere Länder. 2 Mio. davon geflohen ins Nachbarland Pakistan, quasi die Flucht von einem sehr sehr prekären Lebensverhältnis in ein sehr prekäres. Ob der Abzug der Weltgemeinschaft 2021 sinnvoll war? Müsste man wohl eine afghanische Frau fragen.
Achso darf man nicht?
Ah ärgerlich…
Dann muss man als Näherungswert wohl doch auf katholische Frauen zurückgreifen, wenn sich jemand mit jahrhundertelanger Unterdrückung, ausbleibender Wertschätzung und nicht vorhandener Gleichbehandlung, geschweige denn Gleichberechtigung auskennt, dann ja wohl ihr.
#Whatif #UNOFlüchtlingshilfe
Tag 2 (18.07.2022): B
Wer A sagt muss auch B sagen! Daher, wie soll es anders sein, geht’s heute mit dem Buchstaben B weiter. B wie Bertha, oder Berta? Wer zum Teufel ist eigenlich diese Bertha/Berta, die in jedem deutschen Buchstabieralphabet auftaucht? Wie zur Hölle schreibt man sie?
Fragen über Fragen.
Vielleicht hatte ich heute Morgen schon mit ihr zu tun. Wir nennen sie einfach so, auch aus Gründen der Diskretion, die bei mir natürlich allerhöchste Briorität hat.
Bertha war heute Morgen nicht gut gelaunt, wahrscheinlich lags an mir. Ich stand nämlich fünf vor halb Acht bereit zum Frühstück, in weiser Voraussicht, dass ich heute jede Minute gebrauchen kann. Dass das später sooooo ausgeartet ist, konnt ja keiner wissen.
Aber gut eins nach dem anderen.
Ich hab mich sogar bei Bertha entschuldigt, dass ich sie schon so früh belästige, sie hat dann nur richtig auffällig auf die Uhr geschaut und trocken gemeint: „Ja, Sie sind fünf Minuten zu früh!“
Weitere Interaktion wurde daraufhin in beiderseitigem Einvernehmen unterlassen.
Dass ich heute jede Minute gebrauchen könnte fällt dann wohl eher unter die Kategorie bescheuert. Das ich heute aufgrund des Frühstücks erst um 08:15 Uhr loskomm, war klar. Das ich dann eine Tour von 51 Kilometern ansetz war dumm, denn davon waren diverse Kilometer auf Bundesstraßen.
Bedeutet: Entweder du hängst nicht so an deinem Leben, oder du läufst außen rum, was mehr Kilometer bedeutet.
Ich hab’s mir sogar vor Ort angeschaut, zweispurig ausgebaute Bundesstraße, und mich dann dazu entschieden, dass mir mein Leben doch sehr wichtig ist.
08:15 Start + 10 Stunden laufen für 51 Kilometer -> Ankunft: 18:15 Uhr. Anreisezeit meines heutigen Campingplatzes endet um 18:00 Uhr. Im ersten Telefonat hab ich mit dem Mitarbeiter 19 Uhr rausgehandelt um zumindest noch Zeit für Verpflegung und Blasenbehandlung zu haben. Nach diversen Umwegen und erneuten Anrufen wurde 19:30 Uhr vereinbart. Hab um 19:25 Uhr eingecheckt.
Fragt aber nicht, wie viele unnötige Blasen entstanden sind und wie ich mich laufend, navigierend und fluchend verpflegt hab. Um im Blog die nötige Authentizität zu wahren, muss man schlicht und einfach sagen: Der heutige Tag war bescheuert!
Schlussendlich darf beim Buchstaben B natürlich nicht das Thema Blasen fehlen. So viele Leute hatten schon so viele kluge Tipps und ich hab echt schon sooooo viel ausprobiert, aber heute hat mir mein Körper wieder mit erbarmungsloser Härte gezeigt, dass er einfach Blasen da entstehen lässt, wo er gern hätte. Aber zum Glück gibt’s ja Blasenpflaster, manchmal reicht da leider nicht eins pro Blase, aber manche Apotheken hab so viele davon, die verkaufen mir auch mehrere.
Um welches Land es heute geht? Oh, Trommelwirbel Belarus!
Eine demokratische Staatsform hat sich in ganz Europa durchgesetzt. In ganz Europa? Nein, nein! Ein kleines unterdrücktes Volk hält noch immer an ihrer Weltsicht fest. Die letzte Diktatur Europas und der einzige Staat in Europa, der die Todesstrafe noch vollzieht. Wär eigentlich ein ganz sympathisches Völkchen, dass mal „gegen den Strom schwimmt“, mal „neue Wege“ geht, wenn’s halt unterm Strich nicht so menschenverachtend wär!
Muss man sich mal vorstellen, der Präsident Lukaschenko ist schon seit 1994 im Amt, mein Jahrgang. Rückblickend auf die 28 Jahre, hätte ich mich schon diverse Male abgewählt, und dabei musste ich noch nicht mal große weltpolitische Entscheidungen treffen.
Das man nach 28 Jahren nicht in so einen lethargischen Alltagstrott verfällt, eigentlich schon fast bewundernswert. Morgens wichtigen Leuten die Hände schütteln, Mittags unwichtige Leute hinrichten lassen, Abends den ein oder anderen Flüchtling Richtung polnische Grenze fahren. Und dabei darf man ja nie was verwechseln. Mal aus Versehen dem Flüchtling die Hand geschüttelt, den Unwichtigen an die Grenze gefahren und den wichtigen Parteifreund erschossen. Da sei die Agenda des Tages weise geplant.
Lukaschenko sorgt einerseits mit der Unterstützung des Kriegs auf die Ukraine für inzwischen 9,1 Millionen Flüchtlinge die das Land verlassen haben, nicht beachtet derer, die als Binnenvertriebene innerhalb der Ukraine auf der Flucht sind. Zudem werden Flüchtlinge aus Afrika und Asien an die polnische Grenze gebracht, um damit den Druck auf die EU zu erhöhen. Schlussendlich kann man also festhalten, Belarus hat es in seiner Entwicklung bereits soweit gebracht, dass man noch an der mittelalterlichen Todesstrafe festhält, Menschen wie Stück Vieh an die Grenzen karrt und die Herrschaft eines Einzelnen als die vollumfängliche Wahrheit auffasst. Chapeau, wie der Schwabe sagt.
Ein Glück, dass wir heute erst bei B anstatt bei P sind, denn liebe Polen, Menschen an der Grenze nach Farbskala zu klassifizieren ist auch eher so frühes 20. Jahrhundert.
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Tag 3 (19.07.2022): C
Vorbemerkung: Liebe Freunde, liebe Leserin, lieber Leser, da ich die letzten beiden Tage mit diversen Problemen/kleineren Challenges zu kämpfen hatte, ein leicht vespäteter Tag 3. Aber lest selbst, denn noch bin ich im Game.
Heute morgen sollte es am Campingplatz eigentlich pünktlich um 7 Uhr losgehen. Was ich nur leider nicht bedacht hatte, dass ich, wenn’s gut läuft, nach einem Pensionsaufenthalt morgens nur ca. 30 Minuten brauche, aufm Campingplatz eher mal eine Stunde oder länger. Irgendwie steht mir da auch n bisschen meine Freude an der Ordnung im Weg. Zeltplane ausbreiten, damit sie trocknet, Schlafsack einrollen, Luft aus der Isomatte raus und die dann sauber einrollen und verstauen, warten bis ein Waschbecken frei ist, Heringe rausziehen und einsammeln, alles sauber und akkurat am Rucksack verstauen und und und. Viele so kleine Dinge, die Zeit kosten.
Aber naja heut geht’s ja nur 42 Kilometer, bei 32 Grad.
Bei Camping sind wir heute ja schon beim richtigen Stichwort mit C. Irgendwie schon ein besondere Stimmung auf so einem Campingplatz. Auch in gewisser Weise ein besonderer Schlag Menschen, diese Camper. Und damit möcht ich absolut keine Wertung abgeben! Ich hatte gestern sogar noch super nette Gespräche, sorgt halt doch n bisschen für ein Zoo-Feeling, wenn man Abends um halb 8 noch auf den Platz gestürmt kommt und dabei mit nichts als einem großen Rucksack bewaffnet ist.
Heute gings dann durch Husum, am Hafen vorbei und was steht da plötzlich vor mir, das Husumer Weihnachtshaus/-Museum. Bei stetig steigenden Temperaturen eher schwierig an Weihnachten zu denken. Aber dieses Christmas, sorgt doch unabhängig von der Jahreszeit für gute, besinnliche und wohlig-warme Gefühle, auch wenn einem im Juli sowieso schon warm ums Herz ist.
Und es passt nunmal wie die Faust auf’s Auge, zu meinem Tag 3.
Meine Challenge hat mich inzwischen schon bis nach Wesseln, kurz vor der Stadt Heide, geführt. Somit ist schon mehr als die Hälfte von Schleswig-Holstein geschafft. Challenges, eine wunderbare Möglichkeit sich selber herauszufordern, seine Komfortzone zu verlassen. Sich voller Hingabe und Leidenschaft einem Ziel zu widmen, dass vielleicht auch nicht immer ganz einfach ist, ABER: wenn es einfach wär könnte es jeder.
Für mich ist das Besondere daran die Challenge mit sich selber. Es ist eben nicht wie in der Leichtathletik (kleiner TV-Tipp: Aktuell findet die Leichtathletik-WM in Eugene statt
), dass man mit sieben weiteren an der Startlinie steht und die jeweilige Platzierung auch von der Leistung, dem Training und der Performance aller anderen abhängt, sondern bei der diesjährigen Tour kommts einzig und allein auf meine Performance an. Durchstehen oder nicht, alles oder nichts, oder ums mit Shakespeare zu sagen: „Schaffen oder nicht schaffen, dass ist hier die Frage!“
Bei diesen Challenges herrscht auch immer ein ganz besonderes Flair, eine ganz besondere Stimmung. Es ist jeder da draußen weiterhin eingeladen, sich anzuschließen, für Tagesetappen oder die ganze Tour, aber schlussendlich, ist’s wahrscheinlich sogar besser, dass ich alleine unterwegs bin.
Denn ich merk’s an mir selber, morgens vorm losgehen, da komm ich in eine ganz eigene Stimmung. Ich möcht nicht mehr reden, bereit mich gedanklich auf die Tagesetappe vor, was darf ich nicht vergessen, an was muss ich denken und dann insbesondere in der ersten Stunde, wenn sich die Blasen an den Füßen noch bemerkbar machen, da bin ich objektiv betrachtet irgendwie richtig unleidig.
Das will ich keinem antun, daher ists wohl besser, dass mich in diesem Moment keiner aushalten muss.
Apropos Blasen an den Füßen, die ersten sind nach dem gestrigen Gewalttrip von über 50 Kilometern aufgekommen, außerdem sind Schultern, Rücken und Rucksack auch noch zu keiner Einheit verschmolzen. Aber ab Morgen wird alles besser, ganz bestimmt!
Mit C fallen mir drei Länder auf dieser Erde ein China, Chile und Costa Rica. Wie die Leser der östlicheren Bundesländer wissen, werden die beiden erstgenannten eigentlich „Schina“ und „Schile“ ausgesprochen, weswegen die Wahl auf Costa Rica fällt.
Wobei wir selbst bei Costa Rica nicht um ein „Sch“ herumkommen, denn es wird auch als die „Schweiz“ Zentralamerikas bezeichnet. Aber was macht Costa Rica so besonders? Seit 1948 besitzt Costa Rica faktisch keine Armee mehr.
Keine Angst, ich bin nicht naiv genug zu glauben, dass dies eine optimale Strategie für alle Länder dieser Welt ist, insbesondere in diesen Zeiten mit Kriegen und Konfliktherden überall auf der Welt, wäre es blauäugig zu glauben, dass jeder Staat sein Militär abschaffen müsste um eine friedliche Weltordnung zu erhalten.
Aber für ein Land wie Costa Rica, hat es zumindest mehr oder weniger funktioniert, die Militärausgaben in Bildung und Gesundheit zu investieren. Nach Panama, dass aktuell zweitwohlhabenste Land Zentralamerikas. Im Vergleich zu Länder wie Venezuela oder Nicaragua gelingt es Costa Rica seit Jahren eine stabile Regierung und ein kontinuierliches Wirtschaftswachstum zu erzielen. Aufgrund des fehlenden Militärs sind hingegen eine verstärkte Bundespolizei/Grenzschutz und paramilitärische Spezialeinheiten notwendig. Die Schattenseiten sind zudem die überschwappende Drogen- und Clankriminalität der Nachbarstaaten und eine trotz Bildungsförderung bestehende hohe Jugendarbeitslosigkeit. Insbesondere in den Zeiten der Proteste gegen den nicaraguanischen Präsidenten und den daraus folgenden Ausschreitungen gilt Costa Rica jedoch als sicherer und stabiler Zufluchtsort. Somit ein leuchtendes Beispiel der doch mehr oder weniger instabilen mittelamerikanischen Region.
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Tag 4 (20.07.2022): D
Puh, heute war einer der härtesten Tage und das schon an Tag 4. Da mir der Wetterbericht heute 35+ Grad anbietet, und ich das ehrlich gesagt mal so gar nicht in Ordnung finde, gibt’s eigentlich nur zwei Optionen, entweder schon ganz früh morgens los, oder halt die Tagesetappe reduzieren… Ich hab mich für geschmeidige 50 Kilometer mit Start um 5:30 Uhr entschieden.
Bei dieser Hitze würde kein Mensch oder Tier, nicht mal ein Dackel (das erste Tier, dass mir mit D eingefallen ist
) auf die Idee kommen quer durch Deutschland zu laufen, aber naja, die nächstnähere Übernachtungsmöglichkeit wäre schon nach 25 Kilometer gekommen. Da gab’s also nur die Entscheidung zwischen 25 und 50 Kilometer für die heutige Tour und 25 Kilometer wären doch echt langweilig gewesen.
Es ging von Wesseln, über Heide, vorbei an Wacken nach Itzehoe. Dort übernacht ich heute.
Für mich als großen Heavy Metal-Fan und Rockröhre der ersten Stunde natürlich eine große Enttäuschung, dass das berühmte Wacken Open Air erst in drei Wochen stattfindet.
Ok, ok, meine Desillusionierung hält sich in Grenzen, da mir Dvorak, Dostal und Debussy näher liegen als sämtlicher Heavy Metal Lärm.
Desillusionierung hat heute eher der Asphalt auf der Straße/aufm Radweg ausgelöst. Der hat geknistert und stellenweise Blasen geschoben, genau so hab ich’s mir bildlich auch in meinen Schuhen vorgestellt. Wenn die Füße einfach durchgekocht werden und dann Blasen schieben, ein lustiges Bild, wenn’s nicht die eigenen Füße wären.
Aber naja, Blasen kommen und gehen, da muss man sich wohl dran gewöhnen.
Auf den letzten 20 Kilometer heute hat sich nur leider ein anderes Problem eingestellt, weswegen auch der Blog ein wenig zeitverzögert ist…
In den ersten 30 Kilometern hatte ich ein leichtes ziehen im Knie, was zu Apotheken-Besuch mit Schmerzgel und Schmerzmittel-Kauf geführt hat.
Diplomatisch ausgedrückt waren die letzten 20 Kilometer heute eher so semi-cool.
Morgen stehen eigentlich wieder 42 Kilometer nach Pinneberg an, in dem Zustand von heute eher nicht mal semi-cool. Mal kucken was das Knie macht. Aber naja wenigstens hab ich mir die Doping-Mittel des kleinen Mannes ja schon in der Apotheke besorgt. Apropos Doping, aktuell ist ja auch die Tour de France. Wieso ich da gerade beim Thema Doping drauf komme?
Welches Land mit D könnte heute Thema sein? Ein Land, dass unabdingbar für die ganze Tour ist, denn sonst wüsst ich ja gar nicht wo ich durchlaufen sollte. Es geht wie unschwer zu erraten um Deutschland.
Dass der westlichste Punkt Deutschlands in Selfkant am Haus Groevenkamp und der östlichste in der Neißeaue liegt, ist euch sicherlich schon von der letztjährigen Tour und dem dazugehörigen Blog bekannt. Am nördlichsten Punkt war ich bereits letzten Sonntag, der liegt am Lister Ellenbogen auf Sylt. Jetzt fehlt eigentlich nurnoch der südlichste Punkt Deutschlands. Und ja genau, der liegt südlich von Oberstdorf am Haldenwanger Eck.
Für den Mittelpunkt gibt es mehr oder weniger zwei Ermittlungsmethoden. Wenn man die vier oben genannten Extrempunkte verbindet kommt man in Besse/Hessen raus. Den Mittelpunkt hab ich bereits ebenfalls letztes Jahr im Rahmen der Tour von West nach Ost besucht. Der Mittelpunkt Deutschlands, der am weitesten von den deutschen Außengrenzen entfernt ist, liegt in Niederdorla/Thüringen. Der höchste Punkt ist sicher allseits bekannt, die Zugspitze, aber wusstet ihr, dass die tiefste Landstelle hier in Schleswig-Holstein bei Wilster liegt? Die tiefste künstlich erzeugte Stelle liegt im Hambacher Tagebau. Da bin ich letztes Jahr vorbei gekommen und ehrlich gesagt ist der Blick absolut unwirklich.
Als wäre man auf dem Mond und würde Spielzeugautos beim Spielen im Sandkasten zukucken.
Der größte See Deutschlands ist der Bodensee, der größte, der ausschließlich in Deutschland liegt ist der Müritz-See. Die größte Insel Deutschlands ist die Insel Rügen in der Ostsee. Ein Extrempunkt Deutschlands und sogar der ganzen Welt möchte ich euch zu guter Letzt nicht vorenthalten, mit ihm verbinde ich nämlich Heimat. Und zwar ist es der höchste Kirchturm der Welt, der steht nämlich nicht etwa am Kölner Dom, dem Petersdom oder an der Sagrada Familia sondern am Ulmer Münster. Mit 161,53 Metern einfach überragend!
Deutschland ist nach der Türkei, Kolumbien, Pakistan und Uganda das fünftgrößte Aufnahmeland von Flüchtlingen. Wenn man bedenkt, dass die vier vorgenannten wohl eher als Entwicklungs- und Schwellenländer einzustufen sind, und alle weiteren in den Top 10 der Aufnahmeländer ebenfalls Entwicklungsländer sind, dann ist Deutschland anscheinend das einzige Land, dass zumindest ansatzweise seine weltpolitische Verantwortung wahrnimmt.
Daher kuckt hier vorbei und unterstützt die Arbeit der UNO-Flüchtlingshilfe:
Von ganzem Herzen DANKE!
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Tag 5 (21.07.2022): E
Stellt Tag 5 schon das Ende der Tour da? Nach bislang nur 215 zurückgelegten Kilometern?!?
Es ist leider Gottes ein erster größerer Einschnitt.
Heute Morgen hab ich mich aufgemacht Richtung südliches Pinneberg/nördliches Hamburg, somit wäre ich Morgen bereits am ersten Checkpoint angekommen und hätte das erste Zwischenziel, auf das ich mich sooooo gefreut hab, gemeistert. Oh mein Gott, Hamburger Hafen, Elbphilharmonie, und und und…
Naja nur leider ist mein linkes Knie absolut nicht besser geworden, sondern Schritte, insbesondere beim hoch oder runter, sorgen für ein immer größeres Stechen im Knie. Manche der Kilometer gehen, ähnlich wie die Schlusskilometer gestern, mit angestrengtem Stechen mehr oder weniger gut über die Bühne, andere Kilometer sind schon eher von schmerzhaften Stechen gezeichnet. Gut, dass ich mit Cappie und Sonnenbrille ausgestattet bin, die Sachen kann man tief ins Gesicht ziehen, sodass der vorbeikommende Passant nicht verunsichert wird.
Naja Pinneberg wird so wohl nichts, daher wird der Zwischenstopp in Elmshorn heute auch mein finaler Stopp, nach nur 23 Kilometern.
In den 23 Kilometern hab ich einige Male mit mir gehadert, wie das hier weitergehen soll. Für heute aber vermutlich die richtige Entscheidung, denn nur mit Creme und Schmerzmittel komm ich heute nicht weiter… Morgen und Übermorgen kann ich als Ultima Ratio noch einen halben Tag und einen ganzen Tag Pause einbauen, aber wenn ich ab Sonntag nicht zumindest wieder in der Lage bin über 30/35 Kilometer zu laufen, komme ich in gewaltige zeitliche Engpässe.
Was Schuld ist an den aktuellen Problemen? Ists der 150 Kilometer-Lauf, den ich vor zwei Wochen noch unbedingt durchziehen wollte? Bin ich mental und körperlich nicht fit genug für die Challenge? Liegt’s an dem Gewicht, gepaart mit den 50 Kilometer-Tagestouren? Zwölf Stunden auf den Beinen vs. Zwölf Stunden Ruhepause ist natürlich auch eine riskante Aufteilung, da ist nicht viel mit Erholung für Gelenke und Füße, andererseits ja auch genau der Reiz, der mir sooo unendlich viel Spaß macht!
Auf jeden Fall hat die ganze Situation dazu geführt, dass ich mir heute nochmal ausgiebig Gedanken über meine roten Linie gemacht hab.
Klar, offene Brüche, Bänderrisse oder Straftaten hab ich mir mal als übergeordnete Grenzen festgesetzt. Deswegen auch die Nutzung des Zugs von Sylt nach Schleswig-Holstein, weil genug „Idioten“ trotz Verboten an den Bahnschienen entlang laufen. Werden aber halt auch alle zurecht angezeigt!
Aber was ist mit Medikamentenmissbrauch? Schlussendlich sind die kommenden drei Wochen vielleicht mit 3-5 Ibus am Tag auch noch machbar.
Stellt halt auf mehr als 20 Tage, die mir noch bevorstehen, harten Medikamentenmissbrauch dar, aber grundsätzlich könnte es klappen… Einerseits versuch ich mir immer einzureden, dass aufgeben keine Option für mich ist, weil ich genau weiß, dass meine Enttäuschung mindestens genauso groß ist wie der Schmerz im Knie, andererseits lauf ich auch ungern mit Schmerzen und Tränen in den Augen rum. Umso länger ich drüber nachdenk, umso mehr hader ich mit mir.
Morgen früh wird auf jeden Fall entschieden, ob am Freitag oder am Samstag ein Ruhetag eingelegt wird und dann ist sicherlich am heiligen Sonntag wieder alles gut!
Bei dem Buchstaben E handelt es sich heute mal wieder um ein Land, dass eher einen zweifelhaften Ruf zugeschrieben bekommt. Es geht um das „Nordkorea Afrikas“, nämlich um Eritrea. Eritrea wurde 1993 unabhängig von Äthiopien und hat in seiner kurze Zeit später verschrifteten Verfassung freie und allgemeine Wahlen festgelegt. Gewählt wurde nur leider bisher noch nicht.
So ein wichtiges Ereignis sei aber auch gut vorbereitet.
Theoretisch hat Eritrea also ein demokratisches Regierungssystem festgeschrieben, nur leider haben sie in der Praxis seit 1993 ein und denselben Regierungschef und ein und das selbe Staatsoberhaupt, Isayas Afewerki. Dieser beabsichtigt auch vorerst mal keine Wahlen.
Wahlen in autoritären Systemen sind auch immer so anstrengend, man muss Wahlzettel fälschen, die Bevölkerung einschüchtern, freien Journalismus unterbinden, Oppositionelle einsperren oder hinrichten lassen und dass alles sollte nicht zuuuu auffällig passieren. Ach so wobei, also eigentlich passieren alle oben genannten Sachen, von manchen Journalisten fehlen seit mehreren Jahren Lebenszeichen. Ist sowas dann eine Gewaltherrschaft oder Diktatur? Ne ich glaub nicht, in der Verfassung steht ja was von Republik.
Der äthiopische Präsident hat vor zwei Jahren sogar den Friedensnobelpreis für die Aussöhnung des Konflikts zwischen Äthiopien und Eritrea verliehen bekommen. Gut, dass man von der eritreischen Seite nicht gleichzeitig auch jemanden ehren konnte versteht sich von selbst. Eritrea hat im Verhältnis zu seiner Bevölkerung einer der meisten im Ausland lebenden Staatsbürger. Das heißt prozentual gesehen sind aus kaum einem anderen Land so viele Staatsbürger geflohen. Vielleicht fehlt ihnen einfach der Sinn für Humor, oder der Sinn für Unterdrückung.
#Whatif #UNOFlüchtlingshilfe
Tag 6 und Tag 7 (22.07.2022 und 23.07.2022): Abbruch
Die nüchternen und sachlichen Infos vorneweg: Ich habe heute die Tour nach nur 7 Tagen und 230 Kilometern abgebrochen. Wie in Tag 5 geschrieben sind leider akute Knieprobleme aufgekommen, die ich trotz Laufpause an Tag 6 nicht mehr in den Griff bekommen hab. Schlussendlich gibt’s aber keine Ausrede dafür sondern ich war dieses mal einfach mental und körperlich zu schwach um die Challenge zu meistern.
An Tag 6 hab ich, wie oben geschrieben, einen kompletten Ruhetag eingelegt. Ich hab gehofft, dass ein halber Tag 5 und ein ganzer Tag 6 genug Ruhe sind, damit mein Knie sich wieder erholen kann. Einen Arzt konnte ich wegen der aktuellen Urlaubszeit in Elmshorn leider nicht auftreiben… Zumindest keinen Facharzt. Die Arzthelferin aus der Facharztpraxis hat mir geraten zu einem Hausarzt zu gehen, der mir aber vermutlich außer Ruhe und Einreiben keine sinnvolle Hilfestellung gegeben hätte, hab ich das gelassen. Außerdem liegt die Einstellung zu Schmerzen vermutlich nicht auf einer Wellenlänge. Immerhin hab ich noch einen Stützstrumpf ausm Sanitätshaus bekommen, der mir im ersten Moment sogar noch gut weitergeholfen hat. Und so ging Tag 6 mit viel Ruhe und der großen Hoffnung auf Besserung zu Ende.
An Tag 7 bin ich dann nochmal zum letzten verzweifelten Angriff übergegangen. Mit dem Stützstrumpf fürs Knie ging das sogar die ersten fünf Kilometer eigentlich wie von allein. Dafür konnt ich mein Bein ab dann quasi gar nicht mehr abwinkeln. Nach weiterem hadern und nervenzehrenden Verhandlungen mit mir selbst hab ich mich schweren Herzens zum Abbruch entschieden.
Aktuell überwiegt die unbändige Enttäuschung übers Aufgeben. Insbesondere weil ich bei all meinen Touren dafür plädiere mental stark zu bleiben, niemals aufzugeben und sich immer wieder positive Gedanken zu machen. Und gerade diese tiefste innere Überzeugung werfe ich hier so leichtfertig über Bord. Ich weiß nicht, ob’s „nur“ ne Entzündung, oder doch ein Außenbandanriss ist, aber kann das wirklich so schlimm sein, dass man aufgeben muss?
Außerdem tut’s mir unendlich Leid für euch da draußen, all diejenigen, die sich Abends über den Blog gefreut haben.
Danke an all diejenigen die auf die Arbeit der UNO Flüchtlingshilfe aufmerksam wurden und somit zumindest eine kurze Zeit ihrer Aufmerksamkeit den Menschen gewidmet haben, die weitaus größere Probleme als Bänderan- oder -abrisse haben!
Danke an all die Leute, die diese Tour ermöglicht haben bzw. ermöglicht hätten!
Und danke für all die wunderbaren Nachrichten und die ganze Motivation, die ich dieses mal nur leider nicht umsetzen konnte!
Normalerweise kommen in meinen Blogs schwarz-weiß Bilder nur dann zum Einsatz, wenn sie eine inhumane, unmenschliche, oder gar menschenverachtende Einstellung beinhalten. Heute bekommt das Abschlussbild vom südlichsten Punkt Deutschlands, dem Haldenwanger Eck, keine Farbe, denn den hab ich schlicht und einfach nicht erreicht.
#Whatif #UNOFlüchtlingshilfe