Vom westlichsten zum östlichsten Punkt Deutschlands 2021
Tag 1 (19.06.2021):
Ich glaub es geht schon wieder los, dass kann doch wohl nicht wahr sein… Was man mit zwei Promille auf Malle ganz unbedarft durch den Bierkönig grölt, wurde heute Morgen nackte Realität.
Nach dem Jakobsweg 2018, dem Bootcamp auf Koh Samui 2019 und der Christmas Challenge 2020 folgt hiermit der vierte Teil aus der Rubrik „Einfach mal verrückt sein“. Falls hier bei irgendjemandem Fragen nach rationalen Gründen aufkommen sei ihm versichert, dass „e“ in meinem Vornamen steht für die ernsthaften Überlegungen im Vorfeld der Tour.
Nach fast drei Jahren hab ich mich nun wieder auf die Ursprünge und die Anfänge der Blogschreiberei besonnen. Damals knapp 800 Kilometer durch die spanische Hitze auf den religiösen Spuren unserer Vorväter unterwegs, auf denen ich eine super hippe, top moderne und richtig anfixende katholische Kirche kennen lernen durfte, eba ned! Für sämtliche nicht-schwäbischen Leser: Die katholische Kirche ist so hipp und modern wie der allmonatliche Kaffeeklatsch im Altersheim.
Diesmal geht’s knapp 750 Kilometer vom westlichsten zum östlichsten Punkt Deutschlands, also von der Gemeinde Selfkant in die Neißeaue.
Anreise
Westlichster Punkt Deutschlands besucht
Die ersten 10 Kilometer frenetisch gen Osten gestürmt
Keine Blasen bekommen
Großer Dank geht raus an die Leute, die mir diese neue Challenge wieder ermöglicht haben, durch das sie einfach so sind wie sie sind! Und natürlich an die deutsche Nationalmannschaft, die mir das gesponsert Oettinger Weizen meines Herbergsvaters irgendwie erträglich gemacht hat. Hätt ich mir auch gleich denken können, dass man von Bier nördlich des Weißwurst-Äquators keine Ahnung hat.
#Hoojeah
Tag 2 (20.06.2021):
Der zweite Tag der Reise und damit der erste richtige Wandertag hatte es ganz schön in sich. Von Freud bis Leid, war alles dabei, wobei Leid der falsche Begriff ist! Leid herrscht in anderen Teilen der Welt aber in NRW nicht, ganz bestimmt nicht. 
Von gestern auf heute hab ich in einer spottbilligen Ferienwohnung mit einem anderem Besucher gehaust. Auf die Frage an den Besitzer, ihr wisst schon der Typ der eine Vorliebe für fragwürdiges Bier besitzt, wieso er die Wohnung nicht vermietet, hat er gemeint, dass er fürs Geld schon genug gearbeitet hat und die Wohnung fast ausschließlich an osteuropäische Monteure vergibt, die sonst unter katastrophalen Umständen hier in Deutschland einquartiert werden. Zudem schickt er mir noch ein Westzipfel-Pass als Nachweis vom örtlichen Rathaus nach, definitiv mein Held des Tages! Oder um auch eine jüngere Zielgruppe anzusprechen: #GuterMann #Ehrenmann
Was hier im Vergleich zum Jakobsweg definitiv auffällt ist, dass ich mich nahezu in jeder zweiten Ortschaft verlaufe. Hier gibt’s halt keine Jakobsmuscheln an denen ich mich bei Kreuzungen und Abzweigungen orientieren kann, daher muss ich entweder fast immer aufs Handy schauen oder lauf halt so ungefähr in die richtige Richtung, was aber zusätzliche Kilometer bedeutet. So mach ich die 800 Kilometer hier auch noch voll.
Andererseits hab ich ja auch keine Termine und noch nichtmal leicht einen sitzen.
Was jedoch für Harald Juhnke leicht einen Sitzen bedeutet ist wahrscheinlich für den ein oder anderen auch schon n amtlicher Vollrausch.
Mittags durft ich heute dem Sonntagsmittags-Männer-Stammtisch der lokalen Bevölkerung beiwohnen, sprachlich haben wir uns kaum verstanden, aber gedanklich war ich voll auf deren Wellenlänge. Kurze Zusammenfassung des Gesprächsinhalts: Drei Halbe sind auch ein Schnitzel; die hatten heute keine Termine und leicht einen Sitzen; Junger Mann, warum fahren Sie nicht mit dem Rad oder per Anhalter.
Zu guter Letzt noch die Hard Facts: Mein Körper ist nun auch in der Wanderung angekommen. Druckstellen um die Hüfte aufgrund des Hüftgurts meines Rucksacks und erste Blasen haben sich an den beiden Fersen gebildet. Somit wurde also das Spiel zwischen Körper und Geist hochoffiziell angepfiffen, Favorit ist mein Körper. Zum Glück ist der Körper Favorit, denn bei allen guten Geschichten gewinnt am Ende der Underdog!
Außerdem musst ich lernen, dass ein Ein-Mann-Zelt wirklich nur für ein Mann ist und manche Ein-Mann-Zelte nur für kleine Menschen, sehr kleine Menschen, gemacht sind. OK ok damit muss mein Rucksack, eingepackt mit Regenschutzüberzug heute draußen schlafen, wird schon nicht zu fest regnen.
Aber lieber Ein-Mann-Zelthersteller, ich bin 1,72 m groß, dabei ist’s eigentlich schon eine Frechheit von Größe zu sprechen und trotz alledem kann ich mich in diesem Zelt nicht ausstrecken, ich betone: NICHT AUSSTRECKEN! Ich bin überhaupt nicht sauer, aber enttäuscht, schließlich trag ich die zwei Kilo noch durch ganz Deutschland.
Fazit: Ich wünschte ich hätte das Zelt gar nicht erst mitgenommen und hätte keine Blasen und Druckstellen am Körper, aber das tun wir alle wenn wir vor Problemen stehen. Im Endeffekt liegt es nicht an uns und nicht in unserer Macht alle aufkommenden Herausforderungen zu beeinflussen, sondern einzig und allein sich ihnen mit voller Hingabe und Leidenschaft zu stellen.
#Hoojeah
Tag 3 (21.06.2021):
Die Nacht von gestern auf heute war eher so medium geruhsam, es hat tatsächlich geregnet, aber nicht so fest, dass Zelt oder Rucksack ernsthaft in Gefahr waren. Die fehlende Geräumigkeit im Zelt wurde durch das Naturerlebnis, das Draußensein fast komplett wettgemacht, was mir als echtem Naturburschen, als wahrem Work-Life-Balancer natürlich viel mehr gibt als zumindest sieben vernünftige Stunden Schlaf zu bekommen.
Unterwegs traf ich dann einen Einheimischen beim Gassigehen mit seinem Hund. Er hat sich dem heutigen düsteren Wetter voll und ganz ergeben und hat durch seine mürrische und schroffe Art keinen Hehl daraus gemacht, dass er heute super Laune hat. Der Einstieg ins Gespräch erfolgte mit einer völlig unhaltbaren Unterstellung seinerseits, dass ich genauso wie alle anderen nur meinen Müll hinterlass und täglich findet er beim Gassigehen Verpackungsmüll und bla bla bla… Ich erspare euch hier sämtliche weitere Ausführungen. All dies endete durch sein Schlusscredo: „Ich wollt’s ja nur mal gesagt haben.“
Diese Aussage kommt direkt hinter: „Ich bin ja kein…, aber…“
Zum Glück hat er diese Worte nicht benutzt, denn das wäre einer unmittelbaren Kriegserklärung gleichgekommen. Wir kamen noch auf ein Thema zu sprechen, bei dem seine Augen leuchteten und er übers ganze Gesicht strahlte. Es ging um den Hambacher Tagebau und den Ausblick vom Aussichtspunkt der anscheinend wie aus einer anderen Welt ist.
Für mich war sofort klar, jetzt kann alles warten, alles andere kann ich auf morgen verschieben, aber da muss ich sofort hin! Ich lass alles stehen und liegen und sprinte dorthin. „Christian goes to the moon!“ war das vorherrschende Motto. Bei einer Tagesetappe von geplanten 45 Kilometern sei das sicher wohl überlegt, aber ernsthafte Überlegungen sind bekanntlich nicht so meine Stärke.
Ums vorwegzunehmen, war heute insgesamt 48 Kilometer unterwegs, hab Aua, war dumm.
Aber nun zum Hambacher Tagebau. Berühmt, berüchtigt und eigentlich nur in Kombination mit dem Hambacher Forst zu nennen. Die Aussicht und die gigantischen Ausmaße sind, trotz dem heutigen katastrophalen Wetter, echt ziemlich beeindruckend. Andererseits ist sicher auch die Kritik nicht unberechtigt. Ob die Form des Protests und die expansive Erweiterung des Tagesbaus so zielführend sind wage ich zu bezweifeln, aber zum Glück zeigen ja nahezu alle gewalttätigen Auseinandersetzungen weltweit, dass beiderseitige Gewalt Gegenfriede erzeugt.
Morgen geht’s auf Sightseeing-Tour durch Köln, ja richtig ich bin nicht in Leverkusen rausgekommen sondern in Köln, wenn ich zum Beispiel an den Kölner Dom denke keine allzu schlechte Entscheidung.
#Hoojeah
Tag 4 (22.06.2021):
Heute war ein guter Tag, nein ich würde fast schon sagen ein schöner Tag! Aber alles von vorne und gaaaanz langsam.
Von gestern auf heute habe ich mich in ein Sammelzimmer in einem Hotel eingemietet. Ich weiß, dass hört sich sehr nach Jugendherberge und 15-jährigen pubertierenden Kids an. Ob ich für sowas nicht eigentlich schon zu alt bin? Möglich.
Aufm Jakobsweg schläft man quasi durchgehend in einem Schlafsaal in Herbergen, daher dacht ich mir, kann man schonmal machen. Immerhin ein Dach über dem Kopf und geschnarcht hat auch keiner, außer vielleicht ich.
Wenn ich mir aktuell gerade das Wetter anschau, ich bin auf einem Campingplatz und es regnet und regnet und regnet , würd ich gerne wieder gegen ein Sammelzimmer tauschen.
Naja entweder mein kleines Zelt hält dem ganzen hier stand, oder ich muss mir eine der dekadenten Wohnmobilbesitzerinnen anlachen, schön und jung muss sie nicht sein, aber einen Wohnwagen oder ein Wohnmobil sollte sie haben.
Denn: Liebe und Schönheit vergeht, aber ein Dach über dem Kopf besteht!
Naja ich schweife ab. Heute war ich nahezu den ganzen Tag in Köln unterwegs und hab mich mal wie ein typischer Touri benommen, naja wie ein typischer Touri mit großem Rucksack.
Was wusste ich bislang von Köln?
- Ich sollte mich nicht an Silvester auf der Kölner Domplatte aufhalten; Silvester ist noch lange hin
- Wenn ich mich doch an der Kölner Domplatte aufhalte, sollte ich wenigstens eine Armlänge Abstand zu allen anderen Personen halten; aufgrund von Corona sowieso selbstverständlich
- Oberbürgermeister die solche Armlänge-Abstand-Theorien verbreiten halten jedoch keine Armlänge-Abstand zu rechtsextremen Messerattentätern und werden daher schwer verletzt; bin kein Oberbürgermeister, daher keine Gefahr
- Der Platz oberhalb der Kölner Philharmonie wird etwa 1000 Mal im Jahr gesperrt, da die Tritte und Geräusche im Probe- und Aufführungssaal deutlich hörbar sind. Hierfür werden dann bis zu 10 Personen in gelben Warnwesten eingesetzt, die den Platz sperren und blockieren; merk ich mir für den Hinterkopf, falls alle anderen beruflichen Stricke reißen
- Ganz wichtig, ich sollte auf keinen Fall das Kölner Stadtarchiv besichtigen, denn ein U-Bahn-Bau unter einem Gebäude ohne tragende Säulen ist gefährlich und kann Gebäude zum einstürzen bringen; Stadtarchiv wurde nicht besichtigt
Für mich gings vom Rathaus, zum Kölner Dom, fasziniert ein zwei Bilder geschossen, dann zum Eingang, abgewiesen worden, weil die Besichtigung des Doms erst ab 10 Uhr möglich ist, somit zum Turm des Kölner Doms um diesen zu besteigen. Mit Rucksack und Maske den Turm des Kölner Doms hoch, zwei Nahtoderfahrungen aufgrund akuter Atemnot durchlebt, schlechte Aussicht gepaart von vielen Gittern und Drahtseilen erlebt, trotzdem schön da oben. Wieder abgestiegen, erneuter Versuch den Innenraum des Kölner Doms zu betreten, aber Rucksack zu groß, habe moniert, dass Turmbesteigung auch mit Rucksack ging, Einspruch wurde abgelehnt, Rucksack kann weder mitgenommen, noch am Eingang deponiert werden, zum Hauptbahnhof gelaufen und Rucksack in Schließfach gesperrt, erneuter Versuch Kölner Dom zu besichtigen, Corona-Kontaktnachverfolgung ausgefüllt, Kölner Dom konnte endlich besichtigt werden.
@liebe Kölner: Ihr mögt ja einen großen, gigantischen, weltbekannten Dom haben, aber wenn ich euren Kirchturm mit dem Münsterturm meiner Heimat vergleiche, stellt sich mir schon die Frage, wer von uns zweien eigentlich den Größten hat.
Viele Grüße vom höchsten Kirchturm der Welt!
#Hoojeah
Tag 5 (23.06.2021):
Nachdem ich gestern auf einem Campingplatz ohne WLAN und mit einer mehr schlecht als recht funktionierenden Anbindung an das Netz untergekommen bin, gibt’s heute zwei Blogs auf einmal. Aber Vorfreude ist ja bekanntlich die schönste Freude!
Manche würden jetzt sagen ich bin in einem technischen Entwicklungsland unterwegs, so schlimm ist es immerhin nicht, aber Entwicklungspotenzial ist definitiv vorhanden.
Vorteile des gestrigen Campingplatzes? Eigentlich keine, zumindest keine materiellen. Keine Netzanbindung, keine sauberen Sanitäranlagen und keine offene Gaststätte oder Kiosk…
Immateriell sah das aber schon viel besser aus, kein Regen, endlich mal ausnahmsweise kein Regen. Zudem war da eine nette Campingplatz-Betreiberin, die mir eigentlich telefonisch abgesagt hat, dann aber doch noch ein kleines Fleckchen zum Zelten rausgesucht hat und ein euphorisch, dem Alkohol nicht abgeneigter Fußballfan.
Nennen wir ihn Uwe. Uns-Uwe war nicht etwa wie zu vermuten Hamburg-Fan, nein Uwe war Bayern-Fan, weshalb da gleich eine Chemie zwischen uns geherrscht hat.
Uwe ist Rentner und wohnt fest auf dem Campingplatz, was ihn schon wieder ein wenig suspekt macht. Aber Uwe hat mich zum Deutschland-Spiel eingeladen und somit hab ich das Elend live, in Farbe und in höchster Auflösung verfolgen können.
Nähere Details zum Spiel überlass ich aber hiermit den restlichen 82 Mio. Bundestrainern die hierzu sicherlich eine deutlich fundiertere Aussage treffen können.
Aber zurück zu Uwe, super nett, durchaus mit Sachverstand von Fußball und mit Vorliebe für das ein oder andere Schnäpschen, dass zum Bier/Wein einfach dazugehört, wie die Kirsche auf jedes Sahnetörtchen. Das Thema Alkohol und der dazu passende Ausspruch: „Keine Termine und leicht einen sitzen“ verfolgt mich erschreckend oft auf dieser Tour. Kein Wunder, dass Deutschland bei Studien zum Alkoholkonsum besser abschneidet als bei jeder PISA-Studie.
Zudem hab ich gestern jede Menge Tiere getroffen und aufgrund des restlichen tristen Wetters hab ich diese Tiere auch als das Top-Foto-Motiv auserkoren.
#Hoojeah
Tag 6 (24.06.2021):
Tag 6 bedeutet, dass fast eine Woche geschafft ist. Eine Woche zu Fuß durch Deutschland, von West nach Ost und umso länger ich unterwegs bin umso mehr Menschen sprechen mich an. Gut klar, wie oft ist es euch schon passiert, dass euch jemand mit riesigem Rucksack begegnet ist. Spätestens das entlarvt mich und man merkt: „Irgendwas stimmt mit ihm nicht.“
Nachteil: Seriöses Auftreten absolut ausgeschlossen.
Vorteil: Man kommt ein wenig ins Gespräch mit den Leuten.
Heute hat ein Radfahrer neben mir angehalten und nachdem ich ihm meine Geschichte erzählt habe, hat er erzählt, dass er letztens mit seinem Bruder eine zweiwöchige Wanderung von Erfurt nach Berlin gemacht hat, dann haben sie aber wegen Blasen an den Füßen aufgehört. Was haben Vater und ich wieder herzlich gelacht, zwei Wochen laufen und dann erst Blasen bekommen.
Hab ihm dann direkt ins Gesicht gesagt, dass ich mit Leuten die unter akuter Blasenarmut leiden nichts zu tun haben will.
Außerdem geht’s aktuell durch das Siegerland/Sauerland, sodass es immer bergiger wird. Teilweise hab ich das Gefühl, ich hab eine Bergtour ohne Gipfelkreuz gebucht. Wer auch immer diese Berge da hin gebaut hat, wir müssen reden!
Dafür hat es heute aber umso mehr geregnet, aber nein nicht eine Stunde fest und gewitterartig, sondern acht Stunden tröpfchenweise. Bestes schottisches Wetter eben
Noch geht der Regen mir ordentlich auf den Zeiger, aber irgendwann, irgendwann lieber Himmel besorg ich mir hier doch noch einen Regenschirm und dann will ich sehen wer von uns zwei als letztes lacht, so nämlich.
Ein gutes haben Berge und Regen aber dennoch, dadurch kuck ich dann doch öfter aufs Handy und kuck dass ich nicht zu viele Kilometer extra lauf. Was mir dadurch aufgefallen ist, dieser Kartenanbieter einer weltbekannten Internetrechercheplattform kennt angeblich Wege, die ich selbst beim Betreten nicht als Weg ausmachen würde. Ich bin jetzt nicht unbedingt als Stadtkind groß geworden, daher hab ich durchaus schonmal einen sogenannten Feld- oder Waldweg gesehen und hab diese auch schon zur Genüge benutzt, deshalb kann ich auch mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit sagen, dass zwei Wege die ich heute benutzt habe nie und nimmer einer dieser Weggattungen zugehörig sind, waren oder auch nie sein werden.
Ein Feldweg bis zur eingezäunten Kuhweide des örtlichen Landwirts und ein zwei Kilometer später folgender Waldweg kann nicht einfach verbunden werden liebes Kartenteam. Liebe Kühe und auch lieber Bauer, ich entschuldige mich hiermit für sämtliche verstörende Bilder, die durch einen komplett perplexen Menschen mit großem Rucksack in noch höher gewachsenem Gras entstanden sind.
Eine weitere Lektion des Tages: Wenn man sich auf einem Waldweg verlaufen hat, und dann querfeldein auf allen vieren in Richtung eines Wanderparkplatzes krabbelt, sollte man sich bei Erreichen eben dieses Parkplatzes unauffällig auf den ausgeschilderten Weg zurück begeben und nicht, ich wiederhole NICHT, mit einem lauten: „Morgen“ die fünfköpfige Familie bei ihrem Familienausflug begrüßen. Dies führt dazu, dass eines der Kinder folgende absolut gerechtfertigt Frage stellt: „Papa, wieso kommt der Mann mit einem Rucksack aus dem Wald?“
Aktuell bin ich angeblich 167 Kilometer vom Start entfernt und hab somit schon mehr als ein Fünftel bei fünf reinen Wandertagen geschafft. Nachdem aber noch zwei weitere Stadtbesichtigungen auf dem Programm stehen sind 25 Tage als grobe Zeitplanung wahrscheinlich weiterhin realistisch.
#Hoojeah
Tag 7 (25.06.2021):
Heute habe ich um 08 Uhr, pünktlich zum Beginn des Campingbetriebs meine ausstehenden Kosten beglichen und dann war es soweit, beinahe wär ich ohne weiter darüber nachzudenken auf eine Bundesstraße gelaufen. Dass das überhaupt als der primäre und bevorzugte Fußweg hinterlegt ist, ist mehr als bedenklich. Manche Landstraßen, bei denen lediglich ein farblich aber nicht baulich abgetrennter Schutzstreifen für Fußgänger und Fahrradfahrer vorhanden ist, bedürfen schon gewissen masochistischen Zügen.
Der Alternativweg war sicher ein wenig länger, aber für kleine Bergfans, Berggamsen gefangen in menschlichen Körpern und diejenigen die es mal werden wollen, optimal. Flacher wird’s auch erstmal nicht, daher sind da sicher noch ein paar Wandertouren als Reise-Add-on dabei. Wie beim Kauf eines neuen Computers machen sie erstmal alles langsamer, aber wirklich trennen will man sich auch nicht von ihnen, denn n bisschen Spaß machen sie ja auch.
Durch die Ortschaft des heutige Etappenziels führen auch noch zwei weitere Wanderwege, anders gesagt neben meiner eigens zusammengeschusterten Reise führen hier eigentlich zwei geplante Wandertouren durch. Einmal ein europäischer Fernwanderweg, der fast durchgängig vom Nordkap bis an die Mittelmeerküste von Sizilien führt. Hört sich nach einer längeren Tour oder eher gesagt Tortur an, für die ich dann mal ein halbes Jahr frei bräuchte. Außerdem ein Jakobsweg, der auf der Heidenstraße entlang führt.
Ein Schelm der dabei Böses denkt.
Heute Nacht schlaf ich mal wieder indoor, wetterunabhängig in einem vernünftigen Bett.
Und bevor ich hier vor lauter Bequemlichkeit meine Äuglein schließe und in meine süßen Träume verfalle, verbleibe ich wie immer mit einem voller Motivation über einen weiteren geschafften Tag strotzenden:
#Hoojeah
Tag 8 (26.06.2021):
Kinder, sind sie nicht niedlich?
In der Pension, in der ich von gestern auf heute untergekommen bin, waren genau zwei dieser Sorte „Kleinkinder“ am Start. Es gibt sicher ruhige Kinder, die ab und an mal durchschlafen oder einfach auch mal gemütlich am Frühstückstisch sitzen und ne Kleinigkeit essen oder trinken und dann gibt es ein Kind, dass in diesen jungen Jahren schon die „Leck mich am A***“-Mentalität besitzt.
Folgender Schwank aus meinem heutigen Frühstücksalltag:
- Pensionsinhaberin: „Duziduziduz bist du nicht ganz ein Süßer, hast du heute Nacht auch fein durchgeschlafen?“
- Ich in Gedanken am Nebentisch: „Nein, hat er nicht“
- Mama: „Nein das mit dem Durchschlafen bekommen wir noch nicht so gut hin“
- Ich in Gedanken: „Wir???, ich hoffe doch die Mama schläft schon seit zwei, drei Jahrzehnten ganz gut durch?!“
- Mama gibt Kind Spielzeug: „Duziduziduz, kuck mal hier hast du was zum Spielen“
- Kind wirft Spielzeug auf den Boden
- Mama: „Duziduziduz, das mag die Mama aber nicht gern, wenn du dein Spielzeug auf den Boden wirfst“
- Ich in Gedanken: „Ich mag das auch nicht gern, wenn Duziduziduz alles auf den Boden wirft“
- Pensionsinhaberin: „Sind sie nicht niedlich die Kleinen!“
- Mama hebt Spielzeug auf während Kind auf dem Tisch mit den Salz- und Pfefferstreuern spielt.
- Mama: „Duziduziduz, na na na das ist noch nichts für kleine Jungs, hier hast du wieder dein Spielzeug!“
- Ich in Gedanken: „Oh nein, nicht wieder das Spielzeug!“
- Kind wirft Spielzeug mit voller Wucht an Mama vorbei auf den Boden
- Mama: „Duziduziduz, das mag die Mama aber gar nicht gern, da muss die Mama gleich böse werden“
- Ich in Gedanken: „So Mama, wir haben jetzt zwei Möglichkeiten, entweder ich setzt Duziduziduz eigenhändig vor die Tür oder du gibst Duziduziduz unter keinen Umständen wieder sein Spielzeug!“
Aber wenn sie einmal lachen ist doch alles wieder vergessen.
Pension war sonst top und das aufgetischte Frühstücksbüffet war wie bei Mama, fast wie bei Mama.
Danach gings heute nach Winterberg, wo ich die viertälteste Kunsteisbahn für Bob-, Rodel- und Skeleton-Sport besichtigt hab. Für Technikbegeisterte : 1.330 m lang mit 15 Kurven, für Sportbegeisterte
: Felix Loch hält den Streckenrekord im Rodel Einsitzer der Herren, für Geographiebegeisterte
: Winterberg liegt noch in NRW, aber ganz östlich und somit an der Grenze zu Hessen, für Freunde von „La dolce Vita“ oder zu deutsch „Leben und Leben lassen“
: Winterberg ist auch im Sommer eine absolute Touri-Hochburg und das Eis bei der Eisdiele Cortina kann sich auf alle Fälle sehen lassen und für ganz normale Menschen: Absolut gestört sich so einen Eiskanal als Skeletonprofi kopfvoran herunterzustürzen.
Wie schon gesagt war ich heute in den letzten Orten NRW’s unterwegs und habe die Grenze nach Hessen ohne Mauer, Sperrbezirk oder sonstige Grenzkontrollen gemeistert. Mal sehen was das neue Bundesland für mich bereithält.
#Hoojeah
Tag 9 (27.06.2021):
„Another day in paradise“, der gute alte Klassiker von Phil Collins lief heute Mittag in meiner ausgewählten Location für die größere Pause, allerdings war das auch mit Abstand das Allerbeste was diese doch eher urig, nein ich würd fast schon sagen abgeranzte Kaschemme zu bieten hatte.
Nichts desto trotz trifft der Songtitel ziemlich genau meine heutige Stimmung!
Aber nun erstmal eins nach dem anderen. Mir ist heute Morgen beim Abkleben meiner Füße aufgefallen, dass ich nurnoch ein Blasenpflaster habe, nurnoch eins.
Leider kommt da die gute alte Weisheit zum Tragen: Wer dringender auf Blasenpflaster angewiesen ist, als Helmut Schmidt auf Zigaretten, der sollte vorsorgen und nicht am Sonntag-Morgen mit diesen Problemen ankommen.
Aber zum Glück gibt’s auch in Hessen Notfallapotheken, zehn Kilometer entfernt war die nächste. Der erste und fast schon wichtigste Stopp des heutigen Tages.
Mit Verlassen der Notfallapothekenstadt gings dann langsam aber sicher an die anderen und nicht wesentlich unwichtigeren Grundbedürfnisse, Essen und Trinken. Supermarkt wird eher schwierig am Sonntag… Somit hab ich also alle Sinne geschärft und nach Anzeichen auf lokales Gaststättengewerbe Ausschau gehalten. Mal ne richtig urige Brotzeit machen.
Das Hoffen und Warten hat sich gelohnt, naja besser gesagt hab ich die nächstbeste Tür genommen.
Kunibert, Theobald und Fridolin (Namen geändert) waren anwesend. Kunibert, Wirt, geschätzte 65-70, stämmig gebaut, 1973 mit dem goldenen Kochlöffel ausgezeichnet, seither nichts mehr an der Einrichtung verändert, seit 1978 auch nicht mehr geputzt oder die Spinnweben entfernt, sehr freundlich, war darauf bedacht keine Bestellung aufzunehmen, bei der die künstliche Hüfte hätte rausspringen können. Theobald, Gast am Tresen, geschätzte 60, hager, darauf bedacht sämtliche Schnäpse die von Fridolin bestellt und von Kunibert serviert wurden zu trinken ohne dabei eine Miene zu verziehen, wortkarg. Fridolin, Gast am Tresen, geschätzte 65, sehr sehr stämmig, mit schweren Knochen ausgestattet, darauf bedacht durch unendliches bestellen eines nicht definierbaren Gebräus, welches durch den Wirt den Namen „Schnaps“ bekommen hat, Theobald ruhig, aber bei Laune zu halten, ausgestattet mit einem gewaltig lauten Stimmorgan, welches sogar sämtliche weiteren Gäste, also mich, ähnlich eines Rockkonzertes beschallt hat. Ort der Handlung: „Gasthaus“ (heruntergekommene Kaschemme mit schlechtem Wortwitz im Namen, z.B. Zum gackernden Gockel). Fertig ist ein Trauerspiel in drei Akten (Vorspeise, Hauptspeise, Rechnung).
Aber egal wie schlecht das Mittagessen war, aktuell hab ich mein Zelt auf einem luxuriösen Campingplatz mit eigenem Restaurant und Schwimmbad aufgeschlagen, und jedes Mal wenn ich die zwei traurigen Gesichter meiner holländischen Nachbarn seh, wird mir ein kleines Lächeln auf die Lippen gezaubert. Genau deswegen mein heutiger Rat an euch, auch wenn morgen wieder Montag ist, einfach an den Songtitel „Another day in Paradise“ denken.
Morgen geht’s noch nach Kassel, aber über Umwege. Natürlich gibt es nicht nur einen westlichsten Punkt Deutschlands und einen östlichsten Punkt Deutschlands, sondern auch einen Mittelpunkt und wenn man Nord-/Süd-/Ost-/West-Extrempunkte verbindet, kommt man hier ganz in der Nähe raus, daher bin ich dahin 11 Kilometer und danach 16 Kilometer nach Kassel unterwegs, also insgesamt 27 Kilometer bis ich auf Touri-Mode umschalte.
Und jetzt kommt ihr ins Spiel, was muss/soll ich in Kassel auf jeden Fall anschauen? Ich brauch Tipps, Tipps, Tipps!
#Hoojeah
Tag 10 (28.06.2021):
Es war einmal ein Junge, der machte sich vor seiner Reise durch Deutschland einen groben Plan an Etappen und Zielen. Dieser Grobplan wurde am jeweiligen Vorabend verfeinert und mit den genauen Zielen und entsprechenden Plänen für den nachfolgenden Tag ausgearbeitet. Dieser ausgearbeitete Tagesplan wurde am nachfolgenden Tag haarklein umgesetzt und somit hatte der Junge jeden Tag neue wunderbare Erlebnisse. Und wenn er nicht gestorben ist, dann wandert er heute noch mit Plan, Freude und jeder Menge Enthusiasmus durch die große weite Welt. Märchen, eine wunderbare Möglichkeit gedanklich in eine Traumwelt abzuschweifen und das Hier und Jetzt zu vergessen.
Das Grundlegende zuerst: Erstens, ich bin in Kassel angekommen und schlaf heute Nacht in einer Pension, weshalb ich das aufziehende Gewitter zum Glück geschützt durchs Fenster beobachten kann. Zweitens, Jana aus Kassel wurde nicht angetroffen und wird auch im folgenden nicht mehr erwähnt. Wenn ich trauriges Elend sehen möchte, das mich wütend macht, kuck ich auf meine Füße und nicht auf Menschen die den Namensbestandteil „Denken“ in ihrer Organisationsbezeichnung genauso ernst nehmen wie Kim Jong Un das Wort „Demokratie“ innerhalb der Demokratischen Republik Korea.
Wie im einleitenden Märchen bereits angeklungen ist, war der ursprüngliche heutige Plan 20 Kilometer nach Kassel zu laufen und mich dort ein wenig treiben zu lassen. Dieser Plan wurde gestern Abend schon teilweise über den Haufen geworfen, da ich Deutschlands Mittelpunkt auch noch besuchen und mitnehmen wollte. Und wie lief dann der heutige Tag wirklich ab?
- Mittels Kartennavigation bis an ein Waldstück gekommen
- Wege waren irgendwann nurnoch auf maximal Zoom-Stufe zu erkennen (Alarm
)
- Erster geplanter Weg wurde immer matschiger und irgendwann komplett zu gewuchert, umdrehen
- Zweiter Versuch anderer Weg, keine Chance, umdrehen
- Feldweg einmal außenrum nehmen, statt nach 2,5 h war ich nach 4 h endlich am geographischen Mittelpunkt Deutschlands, in dem sich die Verbindungen der Nord-Süd, – Extrempunkte und der Ost-West-Extrempunkte treffen. Geschafft!
Leider ist das noch nicht der Mittelpunkt meiner Reise, mehr als die Hälfte meiner zu laufenden Kilometer liegen noch vor mir.
Endgültig in Kassel war ich um 15 Uhr, nach einchecken, duschen und laufen in die Innenstadt konnt ich die wenigstens noch drei Stunden besichtigen. Tut mir Leid Kassel, ich muss wohl wieder kommen.
Die ein oder andere grafische Impression ist trotz alledem nachfolgend zu finden.
- Positives des Tages: Mittelpunkt Deutschlands erreicht und heute Abend in Kassel Burger gegessen!
- Negatives des Tages: Am Rand des Blasenpflasters hat sich eine neue gebildet, somit führt Rechts gegen Links mit zwei zu eins, wobei eine Blase rechts inzwischen durch zwei große Pflaster abgeklebt werden muss.
Wenn ihr so weiter macht liebe Füße, lauf ich ab morgen barfuß. Überlegt es euch gut, ob da nicht die Schuhe besser sind.
Fazit des Tages: Positives gewinnt, weil positives immer gewinnen muss!
#Hoojeah
Tag 11 (29.06.2021):
Ohje wie soll man so einen Blog nach so einem Spiel noch positiv gestalten. Tschau Jogi, es hat einfach ned glangt.
Bei mir hats heute gleich für drei Bundesländer gelangt, in Kassel/Hessen gestartet, dann mal kurz durch Niedersachsen und rausgekommen in Thüringen. Überall haben sie mich rein und wieder rausgelassen, zum Glück.
Das Wetter macht mal wieder was es will. Heute morgen strahlender Sonnenschein und dann urplötzlich zieht ein Gewitter sondergleichen auf. Aktuell lieg ich hier wieder unter Gewitter, Regen und was noch so alles vom Himmel kommt, hoffen wir einfach mal, dass das Zelt dem ganzen wagemutig trotzt.
Das nachmittägliche Gewitter hat sogar dazu geführt, dass ich gejoggt bin, mit Rucksack.
Die Haltungsnoten waren sicher dementsprechend beschissen, aber was soll man sagen, es hat gereicht um trocken zu bleiben, auch dank eines netten Menschen, der mir aus der Patsche half und mich quasi auf ein nettes Pläuschchen in seine Scheune eingeladen hat. Uns beiden blieb ja irgendwie auch nichts anderes übrig.
Nachdem ich gestern in Kassel die Fulda überquert hab und heute über die Werra gelaufen bin, musst ich irgendwie an den Merksatz aus dem Erdkundeunterricht denken: „Wo Fulda und Werra sich küssen entspringt die Weser.“
Nachdem nun endlich auch mal etwas Bildung in diesen Blog gelangt ist, versuch ich mal ein wenig zu schlafen, naja soweit es halt bei dem Wetter und den fußballerischen Umständen geht.
#Hoojeah
Tag 12 (30.06.2021):
Neuer Tag, neues Glück, altes Wetter.
Aber eigentlich sieht alles viel besser aus, als es auf den ersten Moment scheint, mit dem zweiten sieht man eben besser. Während ich den gestrigen Blog geschrieben hab, hatte der Himmel wohl seine Pforte geöffnet und mal kurz alles runter gelassen, was sich da oben nicht länger halten ließ.
Dabei wurden vom Deutschen Wetterdienst erst ab 0:00 Uhr heftige Unwetter für unseren Landkreis vorausgesagt.
Somit saß ich quasi auf gepackten Koffern und musste befürchten in die überdachten Sanitäranlagen zu flüchten.
Hab mir schlussendlich im zwei Stundentakt einen Wecker gestellt und immer wieder aufs Neue die Lage beurteilt.
- 00:00 Uhr: Anhaltende heftige Unwetter, keine Veränderung, Angst im Zelt noch akut
- 02:00 Uhr: Starker Regen, jedoch ohne Gewitter, leichte Lösung der angespannten Stimmung
- 04:00 Uhr: Kein Regen, keine Gewitter, Erleichterung stellt sich ein
- 06:00 Uhr: Aufstehen, erneut Regen, aber wenigstens nur mit entfernt wahrnehmbarem Gewitter
Wenn ich aber eben in den Nachrichten Bilder aus Landshut, Frankfurt und und und gesehen habe, relativiert sich das ganze nochmal ein wenig. Da war sogar das Zelten hier in Thüringen noch bedeutend besser und angenehmer.
Heute Morgen gings somit, wie man dem Bild entnehmen kann, eingepackt in Regenjacke und Regenschutzüberzug auf Wanderung. Jedoch mit einer Ausnahme, nurnoch leichterer Regen zu vermelden. Und die eine Ausnahme wurde auch mehr oder weniger souverän im Stechschritt, bzw. leichtem Joggschritt zum nächsten Dorf und damit dem nächsten „Safety-Hub“ überwunden. Für heute Nacht hab ich mich in eine kleine Pension in Rüüüdigershagen eingemietet, keine schlechte Entscheidung, da es aktuell wieder regnet.
Hoffen wir nur, dass Rüdiger heute nicht so tief fliegt!
Jeder der gerade komplett aussteigt, sei auf diese Videoplattform verwiesen, bei der man mit den Schlagworten „Rüdiger flieg nicht so tief“ auf das entsprechende Video stößt.
Morgen geht’s zum großen Teil durch das Landschaftsschutzgebiet Dün-Helbetal, daraus folgt: Leider wenig Dörfer und Schutzmöglichkeiten, aber aktuell regnet es ja schon alles vom Himmel und morgen soll’s auch nurnoch regnen und nicht mehr gewittern, da kann ja nichts mehr schief gehen.
Apropos, den Ausspruch: „Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung“ kann ich so nicht teilen! Auch das Wetter kann mal sch*** sein. Jeder macht mal Fehler, aktuell auch du liebes Wetter!
Während meiner heutigen Wanderung bin ich sogar an einer Zwergenhöhle vorbeigekommen. Falls diese Fragen in euren Köpfen aufkommen, nein ich hab mich darin weder häuslich eingerichtet, noch hab ich Gleichgesinnte mit einer ähnlich kleinen Körpergröße gefunden. Die Legende/Sage zu der Zwergenhöhle, unten nachzulesen, könnte jedoch ganz gut zu mir passen, mit der Ausnahme dass ich nicht auf dem Weg zum Einkaufen nach Heiligenstadt unterwegs war, sondern für ein Projekt.
#Hoojeah
Tag 13 (01.07.2021):
Bereits der 13te Tag ist geschafft und morgen ist auch noch Freitag! Der ein oder andere Abergläubige verfällt bereits in Panik und hofft, dass der Blogeintrag ein baldiges Ende findet und so schnell wie irgendwie möglich zu Tag 14 übergegangen wird. Aber ich kann all jene Sorgenträger und Problembären beruhigen, an diesem ach so schicksalshaften Tag 13 war eigentlich alles wie immer, ich bin nichtmal einer schwarzen Katze begegnet, musste unter keiner Leiter hindurchgehen und hab zudem keinen Spiegel zerbrochen.
Einzig und allein im heutigen Pensionshund hab ich einen neuen Freund gefunden und das kann doch wahrlich kein Unglück bringen!
Der heutige Tag war geprägt von Einsamkeit. Wie bereits gestern geschrieben habe ich heute nur wenige Ortschaften passiert und war lange Zeit im Landschaftsschutzgebiet unterwegs. Sicher ein wunderschönes Areal zum Wandern, gut ausgebaute Wanderwege mit vielen Sitzmöglichkeiten am Wegesrand und mit teilweise tollen Ausblicken auf reine unberührte Natur. Dabei fernab von Straßen- und Verkehrslärm, einzig und allein umgeben von Wanderern und Fahrradfahrern. Dies alles könnte man sicherlich auf der heutigen Etappe erleben, aber um den authentischen Charakter des Blogs zu wahren kann ich euch aus der persönlichen Erfahrung nur von Regen, unter Wasser gesetzten Feldwegen, Matsch, Wind und Kälte berichten. Keine einzige Menschenseele ist mir in diesem Wetter begegnet.
Wahrscheinlich wird das Wetter ab morgen wieder besser, sonniger und wärmer, aber heute hab ich eher die Vier Jahreszeiten von Antonio Vivaldi mit sämtlichen mir gegebenen Sinnen erlebt.
Eigentlich sollte am ersten Juli Sommer sein, dabei war es so nass und regnerisch wie im Frühling oder Herbst und so kalt wie im Winter. Wenn man sich im Juli ernsthaft fragt ob man Handschuhe eingepackt hat, weil einem gerade die Finger abfrieren, dann stimmt etwas nicht mit den Temperaturen und dem Wetter.
Somit bin ich die heutigen 40 Kilometer nüchtern, sachlich und pragmatisch abgestiefelt, hab mich fünf Kilometer vor meiner Pension noch in eine Gaststätte zum Essen gesetzt und bin dann zielstrebig in meine heutige Bleibe verschwunden.
An solchen Tagen hätte ich gerne die Wohlfühlstimme in meinem Kopf, die sagt: „Was, du hast heute keine Lust zu laufen? Kein Problem, dann setz dich einfach in den nächsten Zug und fahr durch bis Leipzig. Gönn dir da was schönes, leg ein bisschen die Beine hoch und wenn das Wetter nicht besser wird, dann fahr weiter bis zum östlichsten Punkt Deutschlands. Schieß ein Foto als Beweis, dass du da warst und fahr dann wieder heim, dass du dich endlich aufs Sofa legen kannst.“ Diese angenehme Stimme, diese Wohlfühlstimme, die uns sagt, dass wir heute lieber weniger als mehr machen sollen, dass wir heute mal getrost Pause machen können, kennt jeder von uns und sie ist soooo unglaublich verführerisch.
Also hab ich mir schnell eine Podcast von David Goggins auf die Kopfhörer gelegt und mich mal getrost eine Stunde anschreien lassen. Spaß steht dabei nicht unbedingt im Vordergrund , aber es wurde umgehend die zweite Stimme erweckt. Diese ist die ehrliche Stimme, die einem sagt, dass man faul, unfit und verweichlicht ist. Man unterdrückt sie gerne und schafft die Menschen die einem diese Stimme vor Augen führt am liebsten wieder aus seinem Leben.
Im Endeffekt ist das Wohl eher eine Hassliebe, denn ganz tief in mir drin, beneid ich diese Menschen und diese Stimme für ihren Spirit und ihrer Besessenheit, getrieben zu sein von dem übergeordneten Ziel.
Also freue ich mich auch heute wieder auf morgen!
#Hoojeah
Tag 14 (02.07.2021):
Heute war quasi mein letzter Tag in Thüringen, denn ich übernachte vor den Toren Sachsen-Anhalts. Morgen früh steht dann der vorletzte Grenzübertritt an, von Thüringen nach Sachsen-Anhalt. Ihr wisst ja was das bedeutet, Grenzkontrollen mit körperlicher Leibesvisitation, Eintragung in Listen und Bestechung von Grenzsoldaten, damit man überhaupt seinen Weg fortsetzen kann.
Heute war das Wetter wieder angenehmer und daher verlass ich Thüringen mit einem lachenden und einem weinenden Auge, einerseits war ich hier positiv von den netten Menschen und den schönen Städten Heilbad Heiligenstadt und Bad Frankenhausen überrascht, andererseits glich die ein oder andere kleinere Ortschaft fernab von den großen Städten eher einer verschlafenen Ruinenstadt, mit teilweise nahezu gleich vielen heruntergekommenen, verlassenen Häusern wie bewohnten Häusern… Fahrradwege und Fußgängerwege gab es zwischen den einzelnen Ortschaften mehr als in Hessen oder NRW, oder zumindest führte eine Landstraße von A nach B auf der genauso viel Verkehr herrschte wie im Vatikan.
Heute an meinem letzten Tag durch Thüringen gings hauptsächlich durchs 473 m hohe Kyffhäuser-Gebirge. Ich hab verzweifelt nach dem schlafenden Friedrich Barbarossa gesucht, gefunden hab ich ihn leider nicht. Nur ein Typ mit langem, roten Bart lag hier schlafend in einer Höhle, keine Ahnung was der hier wollte.
Mal schauen was Sachsen-Anhalt in den nächsten beiden Tagen für mich bereithält.
Aufgrund des trüben, aber trockenen Wetters waren die entstandenen Bilder heute eher düster anzusehen.
#Hoojeah
Tag 15 (03.07.2021):
Meine lieben Freunde, was soll ich sagen:
- Müdigkeit und Erschöpfung: 1
- Wille den Blog zu schreiben: 0
Das hört sich fast so an als wäre die Schuld darin zu suchen, dass ich zu faul bin bzw. keine Lust auf Blog-Schreiben habe, aber nein der Fehler muss wohl eher in den fehlenden Ruhephasen gesucht werden! Aber wie bei allem im Leben gilt auch hier: Irgendwie geht’s immer weiter!
Von gestern auf heute hab ich in dem bislang kleinsten, dafür aber auch teuersten Einzelzimmer meiner Reise geschlafen. Außerdem gabs morgens auch noch Frühstück, was einerseits liebevoll und sehr ausschweifend zelebriert wird, danke hierfür an alle bisherigen Gastgeber.
Andererseits bringt es mich das ein oder andere Mal in Bedrängnis… 08 Uhr Frühstück, bedeutet 09 Uhr Start, heute lagen zudem 41 Kilometer vor mir, bedeutet 8h+ reine Laufzeit, wenn dann bei Campingplätzen oder Pensionen bis 18 Uhr Anreise ist, seien Pausen wohl gewählt.
Zum Glück sind viele Pensionen kulant und zeigen sich sowohl bei An- wie auch bei der Abreise verständnisvoll, was bleibt ihnen auch anderes übrig, wenn ich meinen Hundeblick aufsetz. Und am Ende gilt ja sowieso: Ente gut, alles gut
und bislang war das jeden Abend gut.
Heute bin ich unter anderem beim Tagebau Karsdorf vorbei gekommen, bei dem jährlich etwa 2,5 Millionen Tonnen Muschelkalk abgebaut werden. Ob ich durch das Gelände hätte laufen dürfen?
Wie den Bildern zu entnehmen, ist nur unbefugtes Betreten verboten. Wer aber in Form eines Projekts unterwegs ist und sogar Muscheln als Freunde hat, dem kann doch dieser Zutritt nicht verwehrt werden, oder?
Ob ich Schlussendlich durchgelaufen bin oder nicht, weiß nur ich und mein Gewissen.
Außerdem bin ich an der Unstruttalbrücke vorbei gekommen, die mit einer Gesamtlänge von 2.668 m nach der Saale-Elster-Talbrücke die zweitlängste Eisenbahnbrücke Deutschlands ist. Hiermit ist der nächste klugscheißerische Einwand beim „Wer wird Millionär“-Abend auf dem Sofa gesichert.
#Hoojeah
Tag 16 (04.07.2021):
Sommer, Sonne, Kaktus!
Das Wetter hat anscheinend nur alles oder nichts zu bieten. Anfang der Woche, Regen, Gewitter und teilweise nur 10 Grad, heute wieder schwül-heiße, knallende Hitze.
Kein Wunder, dass es die nächsten Tage wieder Gewittern soll.
Heute morgen bin ich ohne Frühstück gestartet und daher pünktlich losgekommen.
- Ziel meines heutigen Feldzugs: Leipzig
- Bewaffnet mit möglichst viel Flüssigkeit
- Begleiter: Ein einsames, aber außer Rand und Band geratenes Huhn
Wo ich das Huhn aufgegabelt hab? Bei einem Aussiedlerhof auf meinem Weg. Aber nachdem mir 200 m später weitere freilaufende Hühner entgegen gekommen sind, hab ich den Plan das eine Huhn einzufangen oder den Bauer zu verständigen schnell wieder verworfen.
Ich muss schnellstmöglich wieder das Dorfkind in mir entdecken, denn an manchen Orten Deutschlands ist die Welt halt noch in Ordnung, sodass auch freilaufende Hühner auf Straßen nicht sofort überfahren werden.
Außerdem bin ich am tiefsten Bohrloch der Welt vorbei gekommen. Also zumindest wurde mir das so auf der Karte angezeigt. Ein bisschen stutzig war ich trotzdem, denn das tiefste Bohrloch dass es aktuell auf der ganzen Welt gibt und die ganze Welt ist ja wirklich riiiiiiesengroß, soll also wirklich im Niemandsland zwischen Merseburg und Leipzig sein?
Genauer gesagt in Schladebach, Ortschaft Kötzschau, Stadt Leuna.
Klingt eher nach einer Ortschaft, der ein wenig frischer Wind und vielleicht auch frisches Blut ganz gut tun würde.
Aber naja, wenn man es sich nicht anschaut, dann hat man es ja auch nicht gesehen.
Auflösung: Von 1884 bis 1893 war dies tatsächlich die tiefste Bohrung der Welt zur geologischen Untersuchung des Leipziger Grauwackensattels. Das unnütze Wissen geht somit in die nächste Runde.
Nachdem ich dann in Leipzig angekommen bin, war ich lecker Burger essen und was seh ich da auf einmal über mir?
Ein Flugzeug, aber nicht fliegend oder im Landeanflug, sondern stehend auf einem Hausdach.
Die spinnen doch die Römer, äh Sachsen.
Wie dem auch sei, ich bin auf jeden Fall leicht zu begeistern!
Morgen stehen gemütliches Frühstücken, lockeres Schlendern durch Leipzig, aufgrund akuter Kack-Füße, wohl eher sitzen im nächstbesten Park und Nachmittags 19 Kilometer zur nächsten Unterkunft an.
#Hoojeah
Tag 17 (05.07.2021):
Lebzisch, immer wieder Lebzisch, rauf und runter, links und rechts, einerseits sieht man so eine Menge der Stadt, andererseits läuft man so vielleicht auch zwei oder drei Kilometer mehr als nötig. Aber welches Recht hat jemand sich über zu viel gelaufene Kilometer zu beschweren, der am Ende vielleicht knapp 750 – 800 Kilometer unterwegs war.
Grundsätzlich ging’s heute aber ohne Umwege und mit einer gewohnten Zielsicherheit erstmal zum Frühstück. Denn wenn’s ums Essen geht nehm ich keine Umwege in Kauf oder verlauf mich auch nicht. Vielleicht bräuchte ich für die letzten Etappen auch einen Essensanreiz, ein Schokobon für jeden geschafften Kilometer beispielsweise. Auf jeden Fall sollten es keine Brotkrümel sein, denn das ging ja schon bei Hänsel und Gretel schief.
Was ich heute morgen allerdings beim Frühstück lernen durfte: Anhusten ist das neue Schlagen. Nachdem ich bereits den Frühstückssaal verlassen hatte und mich im Foyer für den drohenden Abmarsch fertig machte, drohend daher, weil „Abmarsch“ bedeutet Flip Flops werden gegen Sportschuhe getauscht, hab ich nurnoch den Satz: „Der hat mich voll ins Gesicht gehustet“ gehört. Aus dem Mund eines Familienvaters, der mit seinen beiden kleinen Kids im Frühstückssaal saß. Nach einem Wortgefecht und weiteren eloquenten Aussagen, auf die Konrad Duden heute noch stolz wäre, ist er auf dem Zimmer verschwunden und hat Frau und Kinder zurück gelassen.
Ja liebe Kinder, dieses Gefühl, dass ihr in diesem Moment verspürt habt war Scham, dass tritt auf, wenn Papa mal wieder zu viele Stierhormone gegessen hat und durchdreht.
Für mich gings dann voller Elan durch Leipzig, Altes Rathaus, Nikolaikirche, Augustusplatz mit dem Gewandhaus Leipzig und zum Abschluss noch das Völkerschlachtdenkmal im Süden der Stadt. Wunderschön und ich bin froh, dass ich mich heute Morgen aufgerafft habe, das hat sich definitiv gelohnt!
Nurnoch ein kleiner Tipp aufgrund eigener Erfahrungen: Wer Postkarten verschicken will, sollte sich nicht nur um selbige kümmern, sondern auch um Briefmarke und Stift, schließlich arbeitet die Deutsche Post ja auch nicht für Lau.
Heute schlaf ich bereits wieder 20 Kilometer außerhalb der Stadt und starte morgen in die letzten Tage meiner Reise, vielleicht findet sie ja bereits diese Woche einen Abschluss. Einerseits haben meine Füße Angst vor den kommenden Tagesetappen, andererseits hätten sie es dann auch schneller geschafft.
Es stehen wohl die letzten Verhandlungen mit meinen Füßen und die letzten harten Dialoge zwischen Kopf und Körper bevor. Wie immer geh ich voller Optimismus und mit dem nicht endenden Glauben an mich selbst in diesen letzten Kampf.
#Hoojeah
Tag 18 (06.07.2021):
Heute wars möglicherweise ein letztes Mal auf meiner Reise richtig heiß. Gewitter und Regenfront sind erst am Abend bei uns eingetroffen, also zu spät um mich zu erwischen, aber gemäß der Wetterprognose nimmt das Wetter morgen früh einen erneuten Anlauf und da sehen meine Karten schlecht aus. Memo an mich für morgen früh: Regenjacke nicht vergessen!
Heute Morgen war ich das erste Stück auf der Landstraße unterwegs und dann wurde mir sogar eine Mitfahrgelegenheit angeboten. Danke lieber fremder Sachse, aber jetzt so kurz vor dem Ziel werd ich nicht mehr schwach! Zumindest heute Morgen konnt ich der Versuchung noch widerstehen.
- Negativ: Ich seh anscheinend durchaus hilfsbedürftig aus.
- Positiv: Ich seh noch nicht so verwildert aus, dass man mich nicht doch in die nächste Stadt mitnehmen würde.
Dabei hätt ich mich am liebsten zu den Schafen auf einem meiner Bilder gelegt. Friedlich und entspannt in den Schatten auf der grünen Wiese.
Zu der knallenden Hitze kam heute noch dazu, dass manche Tiere gar nicht einfach nur Tiere sondern auch Ortsnamen sind. Und dann auch noch „Schwarzer Kater“, in so einer Ortschaft sind ja die bösen Schwingungen und das ganze dunkle Flair quasi vorprogrammiert! Ein gefundenes Fressen für sämtliche Verschwörungstheoretiker und Quacksalber der Naturheilkunde, die diesen Ort wahrscheinlich aufs Äußerste verteufeln.
Als letztes Problem, dass ich bislang noch nicht bedacht hatte, kommt nun die Lage von Flüssen und Brücken auf. Warum Problem? Naja Problem ist jetzt vielleicht ein bisschen hart formuliert, denn irgendwie gehören ja auch die Flüsse zu dieser Natur und Landschaft dazu, aber die begrenzte Anzahl an Brücken über diese bereitet mir ein wenig Kopfzerbrechen.
Heute galt’s die Mulde zu überqueren, kein größeres Problem, denn die kürzeste Strecke ging mitten über die Brücke und lediglich eine Alternativroute hätte eine Fähre beinhaltet.
Morgen über die Elbe hab ich da meine größeren Sorgen, ich sitz in Strehla, einzige Brücke der näheren Umgebung befindet sich in Riesa und sämtliche mir vorgeschlagenen Routen gen Osten beinhalten Fährverbindungen.
Ich kann nicht anders, als zumindest eine eigens kreierte Route über Riesa zu versuchen, nichts desto trotz macht mir der Gedanken Angst, 140 Kilometer vor dem Ende doch noch auf Hilfsmittel angewiesen zu sein.
Aber das sind Probleme von Morgen, heute Abend gilt es erstmal den ersten Teilnehmer des Fussball-Euro-Finals 2021 zu bestimmen und bei der Paarung gilt ein berühmtes Zitat von Andi Möller mehr denn je: „Mailand oder Madrid, Hauptsache Italien!“
#Hoojeah
Tag 19 (07.07.2021):
Ach verdammt, bei vorausgesagtem Regenwetter hab ich doch immernoch die kleine Hoffnung, dass sich der Wetterexperte einfach im Datum geirrt hat. Aber naja vorausgesagt war Regen, der nachmittags schwächer wird und gegen Abend aufhört und genauso wars auch. Diesen Sommer kann man das gar nicht mit den Worten: „Die Natur brauchts!“ rechtfertigen, denn so langsam brauchen weder Pflanzen oder Tiere noch Menschen dieses unkonstante Sauwetter.
Wer von euch Schlawinern isst denn da regelmäßig seinen Teller nicht auf?
Ich werde dich finden und dann stell ich dich mal acht Stunden unter die laufende Dusche und kuck wie du aussiehst.
Immerhin bin ich heute Abend in einem Hotel untergebracht (trotz alledem günstiger als die ein oder andere hier angebotene Privatpension ) und dann wird erstmal der Rucksackinhalt schön ausgebreitet, denn wer will schon schimmelnde Klamotten mit sich rumschleppen.
Am Ende wird dann für den nächsten Morgen wieder alles akkurat eingeräumt, somit kommt da ein bisschen der optimierungsbedürftige BWLer raus, der jedes einzelne Teil am und im Rucksack perfektionistisch verstaut hat.
Kann ja nicht alles so wie meine tägliche Tourenplanung verrückt und unkoordiniert sein, sondern ich muss ja auch ein deutsches Klischee erfüllen.
Erstmal noch die wichtigen Ereignisse vorweg: Die Italiener haben’s gestern Abend tatsächlich geschafft! Aber naja so ein gut gelaunter Kapitän kann ja nur Erfolg bringen, volle Hingabe und Leidenschaft und unbändiger Spaß an dem was man macht!
Für mich stand heute der Weg über die Elbebrücke Riesa an, soviel vorweg, ja ich hab’s geschafft ohne Fähre hier an meiner heutigen Zielstation im Hotel anzukommen. Dass ich dabei von der Polizei aufgehalten wurde ist durchaus erwähnenswert, aber ja eher nur eine Randnotiz.
- Bin ich einfach ganz normal an der Elbe nach Riesa gelaufen? Ja!
- Bin ich unterhalb der Brücke rausgekommen und hatte in beide Richtungen keine Möglichkeit auf die Ebene der Brücke zu kommen? Ja!
- Bin ich deshalb querfeldein über die Leitplanke und die Bundesstraße gestiegen um auf die Brücke zu kommen? Vielleicht
- Kam genau in dem Moment ne Polizeistreife
vorbei? Die haben gerochen, dass ich auf Abwegen unterwegs war.
- Blieb aber bei einem netten und verständnisvollen Tipp, mich doch bitte nicht überfahren zu lassen.
Klar gibt ja auch ne riesige Sauerei und ist auch nicht so gesund.
#Hoojeah
Tag 20 (08.07.2021):
Wird hier etwa scharf geschossen? Dies sollte heute noch meine alles entscheidende Frage sein.
Pünktlich aufgestanden, pünktlich losgekommen und eine Tour von etwa 40 Kilometern sollte heute den entspannteren Tag darstellen, wenn doch morgen nochmal 46 Kilometer auf dem Plan stehen. Die ersten zehn Kilometer ging das ganz gut auf, dann stand ich urplötzlich mitten im Wald vor einem Schild mit der Aufschrift: „Ehemaliges militärisches Gelände. Lebensgefahr! Betreten verboten!“ In mitten eines Naturschutzgebietes bei Röhrsdorf. Mein erster Gedanke war: „Scheiße, ich bin über die einzige Straße in das Dorf rein und muss jetzt hier durch. Ich lauf doch hier auf einem Topweg, dass kanns doch nicht sein!“
Ihr da draußen hättet möglicherweise schon Bescheid gewusst, aber ich hatte keinen Plan was hier los ist und deshalb hab ich erstmal das kluge Internet befragt und die Lage sondiert. Nördlich von Königsbrück wurde seit 1906 ein Militärstützpunkt betrieben, da dort oben der nötige Platz und eine dünne Besiedlung vorherrschte. 1945 dann von den Sowjets übernommen und ausgebaut. Nach Abzug zwischen 1990 und 1992 wurde hieraus ein Sperrgebiet und die Chance erkannt, durch Ausschluss des Menschen das größte zusammenhängende Naturschutzgebiet Sachsens zu erzeugen. Manche Teile sind sogar begehbar andere eben gesperrt.
Nun war ich vollumfänglich informiert, hatte aber immernoch keine Ahnung was ich jetzt machen soll… Hätte eigentlich nurnoch 30 Kilometer und einen dementsprechend entspannten Tag vor mir. Oder ich lauf wieder komplett zurück auf die Landstraße zum nächsten Dorf… Bedeutet mehr Kilometer, bedeutet weniger Pausen, bedeutet Stress, dass ich rechtzeitig bis 18 Uhr einchecke.
Andererseits ist das was da vor mir liegt militärisches Sperrgebiet, wer weiß was die Sowjets dort zurück gelassen haben. Es ist verboten und irgendwas von Lebensgefahr schreiben die da auch noch.
Grundsätzlich hatte ich nun drei Optionen:
- Querfeldein am militärisches Sperrgebiet entlang: Abseits von Wegen auf oder entlang eines ehemaligen Truppenübungsplatzes, verboten, wirklich sehr dumm, wirklich lebensgefährlich -> scheidet aus
- Durch das militärische Sperrgebiet auf dem Weg: Verboten, nicht lebensgefährlich, aber auch nicht klug -> nach Blick auf meine Füße und in weiser Voraussicht, dass die mehr Kilometer mehr Schmerzen verursachen schied auch die Option schweren Herzens aus
- Alles zurück aus diesem gottverdammten Ort ->
Immerhin steh ich heute bei nurnoch 63 Kilometern to go. Morgen 46 davon und am Samstag dann nurnoch 17 zum östlichsten Punkt Deutschlands und nochmal 17 nach Görlitz und dann ists tatsächlich geschafft.
Ich muss nurnoch den morgigen Tag irgendwie überstehen, dann bin ich schon ziemlich glücklich und froh.
Noch einmal mit voller Hingabe, Leidenschaft und einem zumindest kleinen Lächeln auf den Lippen.
#Hoojeah
Tag 21 (09.07.2021):
Der letzte große Wandertag und die letzte große Tagesetappe ist geschafft!
Und hierbei war’s sogar einer der schönsten Tage der ganze Reise , wären da nicht diese kleinen stechenden Nervensägen, die mich fast aufgefressen hätten.
Heute Nacht hatte es hier nochmal ein richtig heftiges Gewitter, sodass ich eigentlich mit mehr Regen und Nässe gerechnet hätte, aber pünktlich um 6 Uhr zum Start meiner heutigen Tour wurde es ganz ruhig draußen. Ja fast schon eine mystische Stille mit einer ganz reinen, durch den Regen abgekühlten Luft. „Zudem klang liebliches Vogelgezwitscher wie Musik in meinen Ohren und die ersten morgendlichen Sonnenstrahlen kitzelten meine leicht übermüdeten Äuglein.“
So oder so ähnlich könnte ein jedes Frühlings-/ Sommergedicht von entsprechenden Dichtern beginnen.
Erst als ich das erste Waldgebiet für heute durchqueren musste wurde ich auf den Boden der Tatsachen zurück geholt! Und dabei waren noch nicht einmal die durch den Regen entstandenen Pfützen und der dementsprechend matschige Untergrund mein Hauptproblem.
Sondern diese kleinen, fiesen, schwarzen Dinger, die sich meinen Beine zum Frühstück vorgenommen hatten. Der Mann von heute zeigt nunmal Bein. In gewisser Weise liegt der Fehler da auch irgendwie bei mir, kurze Hose und kein Mückenspray trotz stark zunehmender Waldgebiete, die ich kreuze. Naja keine zielführende Kombi, soviel ist sicher.
Daraus folgt, nächster Halt: Apotheke!
Weg von den Mücken, den wohl eher nervigen Bewohnern, hin zu offenen, netten Menschen, die viel Wert auf Tradition, Kultur und Religion legen, den Sorben. Einer deutschen Minderheit die hauptsächlich hier in der Lausitz lebt, deren inoffizielle „Hauptstadt“ die Stadt Bautzen (Budysin) ist und die, wie der Klammerzusatz erkennen lässt, eine eigene Sprache angelehnt an das Slawische besitzen. Vorgestern, etwa 100 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt sind mir bereits die ersten Ortsschilder aufgefallen, die zweisprachig beschriftet waren. Im ersten Moment hab ich mich noch gewundert, dass bereits 100 Kilometer vor der Grenze schon deutsch und polnische Beschriftung stattfindet, bis mir dann doch noch eingefallen ist, dass in Sachsen die Minderheit der Sorben lebt und nach kurzer Recherche die zweisprachigen Ortsschilder einen Sinn ergeben haben.
Leider müssen wir aber an diesem vorletzten Tag und somit auch an dem vorletzten Blogeintrag ein anderes Thema ansprechen, liebe Sachsen. Nachdem in der Ortschaft meiner gestrigen Pension die erste Reichskriegsflagge in einem Garten geweht hat und auf dem ein oder anderen Schuppen entsprechende Zitate oder Personen abgebildet waren, hab ich heute noch ein weiteres Bild geschossen, dass nicht die Menschen widerspiegelt, die ich bislang getroffen hab. Die Sachsen, die ich getroffen hab, waren nett, hilfsbereit, offen, interessiert, was dieser fremde Mann mit großem Rucksack bei ihnen will und im Endeffekt habt ihr somit einem schwäbischen Ausländer geholfen euren Freistaat zu bereisen. Da frag ich mich welche „Grenzen“ ihr denn dicht machen wollt?
Das Sachsen, dass ich kennenlernen durfte, hätte solch einem Bild sicher keine Farbe zugestanden, daher bekommt es auch von mir keine! Das einzige Bild der Reise in schwarz-weiß, denn farbenfroh ist es absolut nicht.
#Hoojeah
Tag 22 (10.07.2021):
Mit einem lauten und inbrünstigen „Hoojeah“ bin ich heute in der Ortschaft Zentendorf (östlichster Ort Deutschlands) angekommen und hab anschließend den direkt an der Lausitzer Neiße liegenden östlichsten Punkt Deutschlands erreicht!
Nach 22 Tagen, etwa 750 Kilometern und mehr als einer Million Schritte steh ich nun hier, an der Neiße-Grenze zu Polen. Gestartet am westlichsten Punkt Deutschlands, in der Gemeinde Selfkant, über Köln, Kassel und Leipzig hab ich nun den östlichsten Punkt Deutschlands, in der Gemeinde Zentendorf/Neißeaue erreicht. Alles ohne Hilfsmittel und einzig und allein mit der Hilfe meiner Füße und dem ein oder anderen Blasenpflaster.
Ein großer Dank und auch ein wenig Stolz gebührt wie immer diesem kleinen Körper, mit seinen kleinen Füßen, der auch mit fortschreitendem Alter und nach der ein oder anderen bereits überstandenen Challenge immer und immer wieder das umsetzt, was ihm mein verrückter Kopf sagt!
Der viel größere Dank und meine allergrößte Hochachtung gebührt aber euch da draußen! Jedem Einzelnen von euch der Tag für Tag durch seine Arbeit, ein freiwilliges Engagement oder einfach nur durch ein nettes Lächeln den Tag, das wunderschöne Deutschland und somit auch die Welt ein bisschen besser gemacht hat. Genau das durfte ich auf meiner Reise nämlich auch erfahren, dass in Deutschland wunderbare Menschen leben, die nicht nur an einem Freitag oder Samstag gute Laune verbreiten können, sondern auch an einem ungeliebten Montag mit voller Hingabe und Leidenschaft etwas zur Gesellschaft beitragen. Damit Menschen wie ich drei Wochen durch die Gegend laufen können braucht es eben genau euch da draußen, die ihren Beruf oder ihre Berufung ausführen, weil sie sie lieben.
Somit zieh ich voller Freude, die sämtliche Schmerzen und Anstrengungen übertönt, meinen Hut und gebe dadurch einen Einblick in meine verstrubbelten und viel zu langen Haare. Dies soll aber keinesfalls den Respekt vor euch wunderbaren Menschen mindern.
Dieser Blog soll mit einem Zitat von David Goggins enden: „Don’t stop when you’re tired, stop when you’re done!“
#Hoojeah